Sommer 2001, die Jugendlichen, die das Arbeitsamt an diesem Morgen zu Detlef Scheele geschickt hat, sind genervt. Sie nörgeln, motzen, pöbeln. Scheele leitet eine Beschäftigungsgesellschaft für Arbeitslose im Hamburger Osten. Gleich bei ihrer Ankunft bekommen die Jugendlichen einen Arbeitsanzug, ein paar Handschuhe und einen Rasentrimmer. Ein türkischer Junge flucht: "Das ist echt scheiße hier!" Scheele fackelt nicht lang: "Du gehst jetzt einfach raus und arbeitest, und zwar bis heute Nachmittag um vier."

So erzählt es Detlef Scheele heute. Oft werden Problemfälle wie der türkische Junge von Sozialpädagogen behutsam an die Berufswelt herangeführt, werden umhegt und ermutigt. Bei jener Gruppe Hamburger Jungs, bei denen all das nichts half, setzte Scheele damals auf ein anderes Konzept: Er schickte sie direkt zum Arbeiten, ohne Diskussion. "Arbeit sofort" hieß das Programm. Es war Scheeles Idee.

Heute sind seine Ideen nicht nur für ein paar Hamburger von Bedeutung, sondern für Millionen Arbeitslose in ganz Deutschland. Seit April ist Scheele Chef der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Er herrscht über ein Budget von knapp 40 Milliarden Euro und mehr als 100.000 Mitarbeiter. Sie entscheiden, ob ein Arbeitsloser einen neuen Beruf erlernen kann, ob er aus seiner Wohnung ausziehen muss oder ob ihm der Lebensunterhalt gekürzt wird. An ihnen hängt es, ob er ermutigt wird, schikaniert – oder bloß verwaltet.

Wenn ein Jugendlicher nicht arbeiten wollte und zu Hause blieb, klingelte Scheele bei ihm

Als Scheele von dem türkischen Jungen erzählt, sitzt er im Fond seines Dienstwagens, rauscht über die A 3, Richtung Mainz. Scheele ist auf dem Weg zu einer Konferenz im rheinland-pfälzischen Arbeitsministerium, er soll dort vor Fachleuten sprechen.

Scheele, 60 Jahre alt, 1,87 Meter groß, fast kahlköpfig, mit dunklen Furchen im Gesicht, ist ein erfahrener Mann: Mehr als zwanzig Jahre lang leitete er in Hamburg Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften für Arbeitslose, zwei Jahre war er Staatssekretär beim damaligen Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) in Berlin, danach fünf Jahre dessen Senator für Arbeit und Soziales in Hamburg. Nun leitet er die Bundesagentur, eine der wichtigsten Behörden des Landes. Wofür steht er? Für mehr Druck auf Arbeitslose? Für ruppige Sprüche statt langer Gespräche?

Eine Hamburger Lokalzeitung hat Scheele mal als "Sozialsenator mit Hang zum Groben" bezeichnet. Das Etikett ist nicht ganz falsch. Scheele ist ein kantiger Typ, bekannt dafür, statt diplomatischer Floskeln auch mal deutliche Worte in den Mund zu nehmen. Aber meist argumentiert er vorsichtig und sachlich – weil er die Komplexität und die Widersprüche des Arbeitsmarkts kennt.

Arbeitsmarktpolitik ist ein ideologisches Schlachtfeld. Jeder hat dazu eine Meinung: Arbeitslose sind entweder faul oder unschuldige Opfer des Kapitalismus. Hartz IV ist entweder ein Segen oder das Ende des Sozialstaats. Scheele hat sich nie auf eine Seite geschlagen, auch damals nicht, als Betreuer der unwilligen Jungs. Er hat die Jugendlichen unter Druck gesetzt. "Aber zu unserem Programm gehörte damals auch, dass wir niemanden rausgeworfen haben", erzählt er während der Fahrt. Die Jugendlichen, die er damals betreute, seien es gewohnt gewesen, überall rauszufliegen: aus der Schule, aus der Ausbildung, aus den Maßnahmen des Arbeitsamts. "Da habe ich gesagt: Wir drehen das jetzt um. Wir drohen nicht mit dem Rauswurf, sondern ›bedrohen‹ sie einfach immer weiter mit Arbeit." Die Botschaft war: Egal, was du anstellst, wir lassen nicht locker. Und wenn ein Jugendlicher zu Hause blieb, haben Scheele oder seine Leute bei ihm geklingelt. "Fürsorgliche Belagerung" nennt Scheele das – Worte, die es so von einem Chef der Bundesagentur noch nicht gegeben hat.