Die schönste Szene von vielen schönen: Der Künstler schmiert herum, greift mitten hinein in die Margarine, und weil sie so herrlich weich ist, so wunderbar glitschig, schleudert er sie gleich batzenweise an die Wand oder zerdrückt sie mal kurz in der Kniekehle. Lustvoller Exzess, fetttriefender Nonsens. Und eine Ode auf die Formbarkeit der Welt.

Vor allem aber wirkt diese Szene befreiend: Was erstarrt war, verkrustet, was als Ewigkeitspanzer den Blick auf den Künstler verwehrte, bricht mit einem Mal auf. Hervor tritt Joseph Beuys, der so lange vom eigenen Ruhm verschluckt war. Den man als Schamanen pries, als hohen Mythenmeister verehrte oder verachtete. Der aber jetzt als ein ganz anderer neu zu entdecken ist, in einem höchst ungewöhnlichen Künstlerfilm des Dokumentarfilmers Andres Veiel.

Ohne Kommentare kommt er aus, und fast ohne Bilder von heute. Der Film speist sich aus den unzähligen Fotos und Fernsehbildern, die Beuys in den späten sechziger Jahren zum ersten wahren Medienkünstler neben Andy Warhol machten. Es ist ein Ausflug in eine andere Zeit, in eine andere Gesellschaft, doch tritt sie einem so lebendig entgegen, dass man beim Verlassen des Kinos fast einen Farbschock erleidet. Tief war man hinabgetaucht ins raue Schwarz-Weiß einer Welt, in der beständig Telefone echt klingeln, immerzu unelektrische Zigaretten qualmen und ansonsten aufrichtig gehasst, gestritten, gepöbelt wird. Mit Wehmut schaut man zurück: So schwer war es damals, ein Künstler zu sein. Und so einfach.

Auftritt Beuys, der erste Tag im Semester an der Kunsthochschule Düsseldorf, versammelt sind Honoratioren von Stadt und Staat, dunkel der Anzug, streng das Gemüt. Der Künstler tritt ans Mikro, und es entfährt ihm ein dunkles "Öhöh". Was erst wie ein missglückter Räusperer klingt, hört sich dann, "ööh, ööh, ööh", wie ein Elch mit akutem Brechreiz an, ein Elch, der schließlich am eigenen Würgreiz zu ersticken droht. Keiner lacht, es ist ein Affront erster Güte. Später wird Beuys entlassen.

Dabei ist das ja bloß einer dieser Fluxus-Ulks, mit denen sich der Künstler über sein Publikum, aber eben auch über sich selbst amüsiert. Immerzu springt Beuys der Schalk aus den Augen, und vor allem diese Selbstironie ist es, die allenthalben für Verwirrung sorgt. Ein Künstler, der die Welt umstürzen will, so etwas kennt man. Aber einer, für den eine "Revolution ohne Lachen" nicht infrage kommt, das ist nicht vorgesehen.

Dieses Lachen hat in der Beuys-Rezeption kaum Spuren hinterlassen. Heute füllen seine Filzrollen, Müllvitrinen, Fettecken viele Museumssäle, doch wirken sie meist furchtbar verstaubt, egal wie sehr darauf herumgewedelt wird mit Tüchern oder Worten. Der Sinn fürs Augenblickliche lässt sich nicht konservieren. Und Selbstironie ist in der Beuys-Gemeinde nicht gerade die oberste Tugend.

Nun wäre es ja auch abwegig, das ideelle Fieber, das diesen Künstler trieb, zu unterschlagen. Im Film durchzieht seine Mission viele Szenen, und tatsächlich interessiert sich Veiel sogar mehr für die Ideen als für die Lebensgeschichte des Joseph Beuys. Warum er Künstler wurde? Bei wem er studierte? Wie er zu seinem Begriff der sozialen Plastik kam? Welche Rolle die Ehefrau spielte? Das alles ist dem Film herzlich egal. Dafür zeigt er unendlich viele Interviews und noch mehr Podiumsdiskussionen, und den Lehrer Beuys, der, mit Kreide und Tafel bewaffnet, seine Diagramme einer besseren Gesellschaft entwirft.

Was er will? Die Ökonomie neu erfinden. Den Staat auflösen. Den Menschen befreien. Und natürlich die Kunst zum Motor der Veränderung machen. Wie das gelingen könnte, bleibt dabei recht nebulös, ebenso wie übrigens die plastische Kunst, die in diesem Film nur eine Nebenrolle hat. Und so erzählt er vor allem von Stimmungen und Gefühlen. Und davon, wie ein Künstler den Verhältnissen entgegentritt, fest im Glauben, sie von Grund auf verändern zu können.

Dieses Erbe interessiert Veiel, und um es möglichst verlockend aussehen zu lassen, ist er gerne bereit, alle Zweideutigkeiten auszusparen. So scheint nur andeutungsweise auf, dass Beuys manches über seine Geschichte als Nazi-Soldat frei erfunden hat. Unterschlagen wird, wie sehr dieser Künstler von Germanen, Kelten und vom deutschen Genius schwärmte. Selbst Hitler war für ihn "ein Künstler, ein großer Aktionist; der hat nur seine schöpferische Fähigkeit negativ gebraucht". Zumindest der bis heute kursierende Verdacht, dass hinter dem Beuysschen Kampf gegen staatliche Institutionen und für direkte Demokratie ein völkischer Impuls steckte, hätte im Film beleuchtet werden müssen. Schließlich gehört ja auch der Zweifel zum Vermächtnis des Künstlers, ein spielerisch-bohrendes Ein- und Nachhaken.

Kino - "Beuys" (Trailer) © Foto: Ute Klophaus/zeroonefilm

So aber bleibt am Ende vor allem Verwunderung darüber, wie leicht die progressiv gesinnten Kräfte der Gegenwart in nostalgische Verklärung abrutschen. Ähnlich wie Veiel schauen in diesem Jahr auch die Documenta und die Biennale in Venedig sehnsuchtsvoll auf die sechziger und siebziger Jahre. Der Gemeinschaftssinn, der Kampfesmut, das künstlerische Draufgängertum, all das, was der Gegenwart fehlt, soll in der Retrospektive neu erwachen. Doch ist der Kampf von damals noch der Kampf von heute? Muss man nicht froh sein, wenn der Staat, den Beuys abräumen wollte, einigermaßen unbeschadet weiterexistiert, allen Trumpschen Attacken und neoliberalen Aushöhlungen zum Trotz? Und mehr direkte Demokratie, ist das eine so glühende Verheißung angesichts populistischer Triumphe allerorten?

Der Beuyssche Frohgeist lebt, das ist das Schöne an diesem Film. Sein Idealismus aber, ööh, ööh, könnte eine kleine Dada-Kur gut vertragen.

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