Die Rückseite des Duisburger Hauptbahnhofs an einem Sonntag im Mai. Da steht die ZEIT-Leserin Lena Wiewell, 32 Jahre alt, gebürtig aus Emsdetten im Münsterland, studierte Architektin, seit Sommer 2014 in Marxloh, wo sie Projektleiterin eines Vereins namens "Tausche Bildung für Wohnung" ist – diese Lena Wiewell, angenehm waches und freundliches Gesicht, Typ moderne junge Frau, wie man sie aus Rateshows im Fernsehen und aus Fußgängerzonen kennt (Kurzhaarschnitt, schwarze Hornbrille, Multifunktionsjacke, weiße Converse-Turnschuhe), sie hält die Beifahrertür ihres Renault-Kastenwagens auf und spricht: "Ich bin stolz auf Sie, dass Sie es ein zweites Mal nach Marxloh geschafft haben."

Zwei Wochen und ein paar Tage ist es her, dass die Reportage über den Duisburger Problemstadtteil Marxloh im Feuilleton der ZEIT erschien, ein Rundgang durch einen türkischen Stadtteil im Ruhrgebiet, der von libanesischen Familienclans kontrolliert wird und wegen einer von kriminellen Schleppern organisierten Armutsimmigration aus Bulgarien und Rumänien vor enormen Herausforderungen steht. Der Autor schlenderte herum, beschrieb, teils erschrocken, viel öfter aber ehrlich fasziniert und begeistert von der herrlichen Kaputtheit und Runtergerocktheit der Straßenzüge, das fremdländische Flair des türkischen, bulgarischen und rumänischen Lebens und wollte dabei nie den Eindruck entstehen lassen, die Geschichte des Stadtteils, geschweige denn die seiner Bewohner, die sich entweder nicht verständlich machen konnten (Bulgaren, Rumänen) oder sich der Kommunikation verweigerten (Türken), wirklich verstanden zu haben (vielleicht wirkte weniger die Kritik an Marxloh als genau die Faszination für einen als No-go-Area und "gefährlichsten Stadtteil Deutschlands" verschrienen Ort auf einige Leser provozierend).

Das kreative, offene, lachende, sonnige und vor allem stolze Marxloh. Wo ist es?

Leserin Lena Wiewell aus Marxloh schrieb, der Artikel habe sie enttäuscht, stellenweise sogar wütend gemacht: "Marxloh kämpft seit Jahren mit Negativpresse, und dies, obwohl so viele positive und schöne Dinge im Stadtteil passieren." Und machte dann eine ungewöhnliche Offerte: "Ich möchte Sie zu uns einladen, um Ihnen einen etwas anderen Blick auf Marxloh zu zeigen. Mit einer Stadtteilführung, ein bisschen Geschichte, einer Tasse Tee mit Gebäck (mögen Sie lieber süß oder salzig?)." Wohnen könne der Reporter in der vereinseigenen WG. Ungewöhnlich herzliche, ja berührende Leserbriefworte: "Ich möchte Sie ermuntern, eine Offenheit zuzulassen, die ein anderes Marxloh zeigt. Ein kreatives, offenes, lachendes, sonniges und vor allem ein stolzes Marxloh."

Natürlich, der Autor hätte der Leserin schriftlich erklären können, dass es schlicht nicht Aufgabe eines Zeitungstextes ist, positive Entwicklungen in Stadtteilen zu unterstützen. Aber: Wann hat ein Reporter schon mal die Gelegenheit, nach Erscheinen seines Textes noch einmal an den Ort seiner Reportage zurückzukehren? Also: noch mal hin. Vorfreude auf die so sympathisch wirkende Leserbriefschreiberin, leichte Bange, dass das sonnige Marxloh vielleicht längst nicht so interessant sein könnte wie das düstere und kaputte, und, natürlich, die ganz normale Panik des nicht mehr ganz jungen Menschen vor einer Nacht in der Wohngemeinschaft.

Eine Viertelstunde fährt man vom Hauptbahnhof nach Duisburgs Norden: Zeit, gleich mit den großen Fragen in das Gespräch einzusteigen. Ist Marxloh, wie überall zu lesen steht, ein gefährlicher Stadtteil? Einatmen, ausatmen und ein zweifelnder Blick vom Lenkrad, ob diese Frage ernst gemeint sei: "Nein." Wenn sie als junge, modern gekleidete Frau durch Marxloh laufe, kassiere sie dann nie einen Spruch, wie ihn Frauen in Berlin-Kreuzberg oder -Neukölln öfter zu hören bekommen, nach dem Motto "Zieh dir mal was Ordentliches an!"? Natürlich, wenn sie im Minirock durch Marxloh laufe, dann könne es sein, dass Sprüche kommen: "Aber das wäre in der Dortmunder Innenstadt nicht anders."

Frau Wiewell hat Termine mit "Akteuren aus dem Stadtteil" verabredet, wir werden uns mit der Stadtteilmanagerin Edeltraud Klabuhn unterhalten, gebürtige Marxloherin, die den so anspruchsvollen wie frustrierenden Job hat, zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik zu vermitteln, mit dem Kameramann und Werber Halil Özet, ebenfalls in Marxloh geboren, der mit seiner Agentur im Medienbunker genannten Hochbunker am Johannismarkt residiert und die Image-Kampagnen "Made in Marxloh" und "Marxloh kann ... was!" ins Leben gerufen hat, zuletzt mit dem Rentner Wolfgang Köhler, einem ehemaligen Stahlarbeiter und Mitglied einer Bruderschaft, als gute Seele von Marxloh bekannt.

Noch einmal: Was hat Lena Wiewell an dem Marxloh-Artikel vor allem geärgert? Die heftige Reaktion, die offenbar dem Naturell der Leserbriefschreiberin entspricht – sie haut mit der flachen Hand auf das Lenkrad: "Na, dass wieder der Müll genannt wurde! Warum liegt denn der Müll auf der Straße? Weil die Hausbesitzer, die die Schrottimmobilien an Migranten aus Rumänien vermieten, keine Mülltonnen aufstellen!" Vor etwa zwei Jahren sei das Negativ-Image von Marxloh von den Medien verstärkt aufgegriffen worden, seither kämen Journalisten mit einem fertigen Drehbuch, um die Geschichte vom Gangster-Stadtteil zu erzählen. Lena Wiewell erklärt, dass schon ein wenig Kraft und Persönlichkeit dazugehöre, um die schönen Seiten von Marxloh zu erkennen: "Es ist immer die Frage, mit welcher Haltung man nach Marxloh kommt. Haltung ist in Marxloh ein Riesending." Und sie fügt den Satz hinzu, der unter Marxloh-Verteidigern, von denen es im Stadtteil viele gebe, eine Art Mantra, einer von mittlerweile vielen optimistischen Marxloh-Claims ist: "Berlin kann jeder, Marxloh muss man wollen."