Ron Hosko arbeitete bis zu seiner Pensionierung 2014 dreißig Jahre lang für das FBI, das zugleich Strafverfolgungsbehörde und Inlandsgeheimdienst ist. Zuletzt war er Stellvertretender Direktor der Abteilung für Strafermittlungen. Der von Präsident Donald Trump entlassene FBI-Chef James Comey war sein unmittelbarer Vorgesetzter.

DIE ZEIT: Donald Trump hat dem russischen Außenminister Lawrow offenbar neulich streng vertrauliche Geheimdienstinformationen über die Terrororganisation IS weitergegeben. Der Präsident sagt, aus "humanitären Gründen". Glauben Sie ihm das?

Ron Hosko: Donald Trump hat die Informationen womöglich in der gut gemeinten Absicht geteilt, damit das schwierige Verhältnis zu Russland zu verbessern. Meiner Meinung nach ist das eher ein Zeichen von Disziplinlosigkeit und falschem Urteilsvermögen.

ZEIT: Russland wird verdächtigt, sich letztes Jahr im Wahlkampf mit Cyberangriffen zugunsten von Donald Trump eingemischt zu haben. Der US-Geheimdienst FBI ermittelt deswegen auch gegen ehemalige Mitglieder von Trumps Wahlkampfteam. Nun hat der Präsident FBI-Chef James Comey völlig überraschend entlassen. Was steckt dahinter?

Hosko: Was der Präsident mit Comey gemacht hat, ist absolut unwürdig und unerhört. Wie konnte er das wagen! Comey ist ein amerikanischer Patriot, und Trump hat ihn vor dem ganzen Land beleidigt. In meinen vielen Jahren beim FBI hat es so etwas nicht gegeben.

ZEIT: Trennte sich nicht auch einst Präsident Bill Clinton von seinem FBI-Chef?

Hosko: Ja, von William Sessions, der hatte ethische Probleme.

ZEIT: Sessions hatte Steuern nicht gezahlt, und es gab Unregelmäßigkeiten mit einem Hauskredit. Das machte ihn erpressbar.

Hosko: Bill Clinton hat ihn entlassen, aber das war’s. Anders als jetzt bei Trump gab es damals nach dem Rauswurf kein Nachtreten mittels Beleidigungen.

ZEIT: Trump hat Comey als einen Angeber und Dampfplauderer beschimpft. Außerdem hat er behauptet, die Stimmung im FBI unter Comey sei am Boden und der Geheimdienst in Aufruhr gewesen. Stimmt das?

Hosko: Das ist absolut unwahr. Der James Comey, den ich kenne, ist einer, der immer mit unbändigem Stolz vom FBI gesprochen hat. Comey war nicht nur ein guter Ermittler, er war auch warmherzig und an seinen Mitarbeitern interessiert. Die Leute mochten ihn, sie haben zu ihm aufgeschaut, auch wenn sie mal anderer Meinung waren. Einige FBI-Leute waren zum Beispiel der Ansicht, Comey sei im Juli 2016 mit seiner Kritik an der ehemaligen Außenministerin Hillary Clinton und an der Nutzung ihres privaten E-Mail-Servers zu weit gegangen. Dennoch hat niemand jemals die Qualifikation von James Comey angezweifelt. Alle hielten große Stücke auf ihn.

ZEIT: Das FBI ist eher eine konservative Organisation. Viele FBI-Agenten haben Trump gewählt. Wäre das FBI also nicht eigentlich ein natürlicher Verbündeter von Trump?

Hosko: Ja, aber Trump hat das aufs Spiel gesetzt. Meine Kollegen fragen sich jetzt verständlicherweise: Welches Ausmaß hat dieser Russland-Fall? Will Trump etwas verbergen?

ZEIT: Trump hat mittlerweile eine Vielzahl von Gründen für Comeys Entlassung angeführt. Zunächst hieß es, er habe den FBI-Chef nur auf Empfehlung seines Justizministers gefeuert. Dann twitterte Trump, er habe diese Entscheidung allein getroffen. Auch über die Hintergründe gibt es unterschiedliche Aussagen. Welche Schlüsse ziehen Sie aus diesem Erklärungschaos?

Hosko: Ob ein Mensch die Wahrheit sagt, erkennt man an der Konstanz der Antworten. Wenn jemand so wie Trump immer neue Erklärungen vorträgt, legt das die Schlussfolgerung nahe, dass er nicht die Wahrheit sagt.

ZEIT: In seinem Entlassungsbrief an Comey hat Trump geschrieben: "Auch wenn ich es sehr zu schätzen weiß, dass Sie mir bei drei separaten Gelegenheiten versichert haben, gegen mich werde nicht ermittelt, so stimme ich dennoch der Beurteilung des Justizministeriums zu, dass Sie das FBI nicht effektiv führen können." Beunruhigt es Sie, dass der Präsident einen Zusammenhang zwischen den Russland-Ermittlungen und der Entlassung herstellt?

Hosko: Ja, denn es zeigt, wie wenig Ahnung er von der in der Verfassung festgeschriebenen Gewaltenteilung hat und wie wenig Respekt vor dem FBI.