Es gab mal einen Bundesminister von der CSU. Es kann gut sein, dass Sie ihn vergessen haben. Er hieß Michael Glos, genannt Michel, ein großer Franke mit einer sehr tiefen Stimme. Er war Wirtschaftsminister von 2005 bis 2009.

Michel Glos strahlte etwas aus, das sympathisch war und schützenswert. Er wirkte abwesend und vollkommen desinteressiert an der Macht. Er trottete herum wie ein trauriger Eisbär, hineingestolpert in das Amt. Die Opposition beschimpfte ihn als Schlaftablette, doch das prallte an Michel Glos ab. Er wusste ja selber, dass da etwas nicht stimmte. Auf ihn folgte – fieser Kontrast – ein juveniles Supertalent, Karl-Theodor zu Guttenberg.

Man würde Glos in diesen Tagen gerne nach Südfrankreich schicken, Boule spielen mit François Hollande. Ein paar Pastis trinken, aufs Meer gucken. Zwei Melancholiker der Macht, das könnte passen. Hollande hat seit Sonntag frei. Sein Land wird jetzt von einem Hochbegabten regiert, Emmanuel Macron, der ein blütenweißes Privatleben hat, aus dem Stand Molière zitieren kann, perfekt Klavier spielt und besser Englisch spricht als der amerikanische Präsident. Dann würden sie dort stehen auf der staubigen Bahn, der Michel und der François, mit weißen Leinenhosen an, die Kugeln in der Hand drehend, erlöst von der Macht. Dann könnten sie erzählen, wie sie da reingeraten sind.

Bei seiner letzter Rede als Präsident fiel Hollande ein letztes Mal auf, weil er sich versprach. Statt "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", les crimes de lèse-humanité, redete er von "Verbrechen der Majestätsbeleidigung", les crimes de lèse-majesté. Sein Nachfolger stand mit vorgerecktem Kinn neben ihm und lächelte gütig.

Es gibt Menschen, die sagen, dass Hollande einer der schlechtesten Präsidenten war, die Frankreich je hatte. Man erinnert sich tatsächlich an wenig, was von seiner Präsidentschaft bleiben wird. Vielleicht an diese Bilder aus Closer, einer Klatschzeitung. Wie der französische Präsident nachts vermummt auf einen Motorroller steigt, um zu seiner Geliebten zu fahren. Zu Julie Gayet, der Schauspielerin. Und es sah weder lässig aus, wie er dort aus dem Präsidentenpalast stapfte, noch männlich. Sondern seltsam schwermütig. Mit übergroßem Helm auf dem Kopf, ganz in Schwarz, sah der Präsident aus wie ein Insekt.

Oder das Foto von seiner Kasachstan-Reise: François Hollande mit Trachtenmantel und Pelzmütze. Neben ihm, in gewöhnlichem Anzug, als habe er seinen Gast reingelegt, Nursultan Nasarbajew, der kasachische Präsident. Hollande macht dieses regungslose Überforderungsgesicht. Wie ein Mann, dem sein Leben passiert. Ärger auf der Arbeit, der Streit zu Hause. Mehr Beobachter als Akteur.

Wie Bill Murray in Lost in Translation, jenem sagenhaften Film von Sofia Coppola, der aus Frankreich sein könnte, wäre er nicht aus Hollywood, denn Melancholie ist ein französisches Talent. Da sitzt der Held, ein in die Jahre gekommener Schauspieler, allein an einer Hotelbar in Tokyo, er lässt sich im Pool treiben, sitzt verloren auf seinem Bett. Ganz befreit von irdischem Streben, umhüllt von Transzendenz und Trauer. Bis er eine Seelenfreundschaft schließt mit einem Menschen, der ähnlich verloren ist wie er. Ähnlich scheu.

Von Willy Brandt ist überliefert, dass er sich als Kanzler manchmal tagsüber im Bett verkroch, bis der Chef des Kanzleramts anklopfte und sagte: "Willy, wir müssen regieren." Depression als Machtverweigerung, das war tragisch. Aber es ist auch liebenswert.

Der Melancholiker ist so besonders, weil er unabhängiger ist als andere. Geld und Macht treiben ihn nicht an, sondern belasten ihn, Gut möglich, dass er mehr weiß vom Jenseits. Dass er eine Ahnung hat von Gott. Wenn man dem Melancholiker entgegenhält, dass die Zeit der alten, weißen Männer vorbei sei, dann zuckt er mit den Schultern und sagt: Okay. Und dann denkt er: Na endlich.

Schönen Ruhestand, Monsieur Hollande. Ich werde Sie vermissen.