In Paris regieren jetzt diejenigen, die im Deutschunterricht gut aufgepasst haben. Emmanuel Macrons neuer Premierminister Édouard Philippe: hat in Bonn studiert. Sein Chefdiplomat Philippe Étienne: arbeitete bislang als Botschafter in Berlin. Seine Verbündete Sylvie Goulard: ist in der CDU bestens verdrahtet und gern in deutschen Diskussionsrunden zu Gast. Der neue Generalsekretär im Präsidentenpalast Alexis Kohler: versteht ebenso gut Deutsch wie Europaberater Clément Beaune.

Der französische Präsident meint es offensichtlich ernst, wenn er sagt, dass er Europa gemeinsam mit Deutschland voranbringen wolle. Aus seiner Sicht bedeutet das vor allem: Bewegung in die festgefahrene Debatte über den Umbau der Währungsunion zu bringen. Und so hat in der Bundesregierung die Operation Macron begonnen – die Suche nach einer Reform, die die Franzosen zufriedenstellt, ohne die deutschen Wähler zu sehr zu verschrecken.

Bislang hat man diese Debatte in Berlin zu vermeiden versucht, so gut es geht. Als zu groß schätzte man im Kanzleramt die Gefahr ein, dass am Ende doch nur die Deutschen bezahlen müssen – zumal die Bundesrepublik mit dem Ist-Zustand gut leben kann: Die Wirtschaft boomt, und die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie nie zuvor seit der Wiedervereinigung. Wenn Macrons Vorgänger in Berlin ihre Vorschläge einreichten, holten sie sich daher in aller Regel eine krachende Abfuhr. "Sarkozy und Hollande kamen mit dem Flugzeug nach Berlin und fuhren mit dem Bus nach Hause", sagt ein hoher Beamter der Bundesregierung und meint das durchaus bedauernd.

Doch nun steht aus Sicht der Bundesregierung zu viel auf dem Spiel. Wenn Macron scheitert, könnte Frankreich endgültig im Chaos versinken beziehungsweise in die Hände von Marine Le Pen und ihrem rechtsextremen Front National fallen. Deshalb kann und will man nicht mehr zu allem Nein sagen.

Aber wozu kann man Ja sagen?

Viele Genossen fürchten, dass Martin Schulz durch teure Vorschläge Stimmen verliert

Außenminister Sigmar Gabriel hat die Frage bereits beantwortet, wie so oft schneller als andere. In einem Positionspapier bot er am Wochenende an, die Rücklagen für die Altlasten der deutschen Atomindustrie anzuzapfen, um damit eine deutsch-französische "Investitionsoffensive" zu finanzieren. Abgestimmt war das allerdings nicht. Im Bundesfinanzministerium hält man von dem Vorschlag wenig und verweist darauf, dass nicht einmal die Mittel aus den vorhandenen Fördertöpfen abgerufen würden. Selbst in der SPD ist Gabriels Vorstoß umstritten. Viele Genossen fürchten, dass Martin Schulz mit Vorschlägen, die zu offensichtlich deutsches Geld kosten werden, im Wahlkampf an Boden verliert.

Doch was das deutsche Finanzministerium bisher an Reformideen für die Währungsunion im Angebot hat, stößt in Frankreich auf Skepsis. Wolfgang Schäuble hatte vorgeschlagen, den Rettungsfonds ESM zu einem Europäischen Währungsfonds auszubauen. Wie der Internationale Währungsfonds würde er die Haushaltspolitik seiner Mitgliedstaaten überwachen und im Krisenfall Hilfskredite bereitstellen. In Macrons Umfeld sorgt man sich, dass Schäuble damit nur noch mehr Druck auf Länder mit hohen Schulden ausüben wolle – und dass es ihm darum gehe, die bislang für die Budgetkontrolle zuständige Europäische Kommission zu entmachten, die die Regeln zuletzt eher flexibel ausgelegt hat.

Deshalb wird im Kanzleramt und in den Fachabteilungen der Ministerien darüber nachgedacht, inwieweit sich das Konzept durch eine Art Umverteilungskomponente ergänzen lässt, wie Macron sie sich wünscht. Er hat einen gemeinsamen Haushalt für die Mitgliedstaaten der Euro-Zone vorgeschlagen und will damit erreichen, dass im Falle einer Krise auch Investitionen in den Ländern getätigt werden, die dann weniger eigene Mittel zur Verfügung haben. Schäuble jedenfalls räumte am Wochenende bereits ein, eine Währungsunion könne nicht ohne einen gewissen "Ausgleich" zwischen starken und weniger starken Ländern funktionieren.