Papst Sixtus V. verbot 1588, dass Frauen auf den Bühnen des Vatikans sangen. In den römischen Kirchen wurden danach die Sopranpartien mit Knaben, hormonell exakter: mit Kastraten, besetzt. Die Begründung war biblisch. Das Weib schweige … – Sie wissen schon. Vor einigen Jahren widmete die Sopranistin Cecilia Bartoli den Kastraten eine CD mit dem Titel: Sacrificium, Opfer also. 32 Päpste lauschten im Laufe der Jahrhunderte in der Sixtinischen Kapelle dem Gesang junger Männer, die ihre hohen Stimmen dem gezielten Einsatz eines Messerchens verdankten.

Der Männergesang galt ihnen trotz der hässlichen Begleitumstände als schön und wahr. Die Stellvertreter Christi liebten das Glissando über die Geschlechtergrenzen hinweg, sie wollten Frauenstimmen aus Männerkörpern. Nach dem Maßstab heutiger, ordnungsbewusster Katholiken müssten sie als "Genderisten" verdammt werden.

Erst Pius X. machte Anfang des 20. Jahrhunderts dem Leid der Kastraten ein Ende. Er verbot im Motuproprio "Tra le sollecitudini" die Messerchen-Musik in der Kirche. Das päpstliche Erbarmen mit den Männern eröffnete noch keine Chance für die Frauen. Sie seien "zu einem solchen Amt nicht fähig, zu keiner Partie des Chores", glaubte Pius X. Knaben vor dem Stimmbruch übernahmen die hohen Töne. Später, als Singen nicht mehr als liturgisches Amt galt, kamen Frauen endlich zum Einsatz. Pius XII. mahnte Ende der 1950er-Jahre nur an, dass Männer von den Frauen und Mädchen "ganz getrennt" zu sein hätten. Separat stehen, gemeinsam singen, immerhin. Meine Oma war begeisterte Chorsängerin, zuerst im Mädchenchor, dann im Kirchenchor. Mittlerweile fehlen den meisten Kirchenchören Männerstimmen, sodass Frauen mit Zarah-Leander-Timbre als Tenoretten zum Einsatz kommen.

Führte eine gestiegene Wertschätzung für Sängerinnen zum Sinneswandel? Oder das Downgrade des vokalen Musizierens vom liturgischen Amt zum Dienst? Das Beispiel zeigt: Die Kirche kann sehr wohl erlauben, was sie hartnäckig mit biblischen Begründungen verboten hat. Mancher Felsen ist bloß eine Wanderdüne. Im Chorwesen haben sich die Hierarchen von Einwänden und Bedenken verabschiedet, ohne neue Frauenverbotsgründe nachzuschieben. Vielleicht hat Jesus beim Abendmahl den Jüngern zugerufen: "Und jetzt alle …" Dann wären bis heute nur Männerchöre erlaubt. Doch die Glaubenskongregation suchte nicht nach derartigen Ausschlussgründen.

Abgesehen von der angeblichen Auswahl im Abendmahlssaal ähneln die Argumente wider weiblichen Gesang denen wider den weiblichen Altardienst. Frauen sind lange minderwertig, unrein, irgendwie verdächtig, deshalb werden sie vom Allerheiligsten ferngehalten. Im 20. Jahrhundert wächst sich die offenkundige Abwertung langsam raus, Frauen dürfen mitsingen, die Messe dienen, die Kommunion austeilen, Lesung und Fürbitten sprechen. Wiederholte sich die Kastraten-Geschichte, dann hieße das: Nur noch 32 Päpste abwarten, dann könnte es römisch-katholische Priesterinnen geben. Also bitte einen Augenblick Geduld, meine Damen.

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Ich verzichte an dieser Stelle darauf, Frauen als Opfer zu bezeichnen, obwohl ihnen so viel Unrecht widerfahren ist, dass eine offizielle Bitte um Vergebung angebracht wäre. Einen "Sacrificium"-Gesang stimme ich nicht an, weil das Wort "Opfer" nach dem Wort "Täter" schreit. Auch das möchte ich vermeiden. Kirchenmänner tun Frauen zwar verbal noch immer einiges an, ich kritisiere sie aber lieber, als sie pauschal zu kriminalisieren.

In lehramtlichen Dokumenten wird vor dem "Geschlechterkampf" gewarnt. Viele Debattenpositionen scheiden sich tatsächlich entlang der Trennlinie männlich-weiblich. Nur wenige Männer streiten für die volle Gleichstellung; das Thema läuft in diversen Reformgruppen mit, es steht auf Wunschlisten, ohne ein Herzenswunsch zu sein. "Schon doof, dass es keine Priesterinnen gibt", lautet die maximale maskuline Solidaritätsbekundung. Ein Titel wie Weiberaufstand verführt Männer nicht dazu, sich unterzuhaken.

Es wäre unredlich, so zu tun, als ginge es in diesem Buch nicht auch gegen Männer – allerdings nicht gegen "die Männer". Kritisiert werden jene, die auf die Frage "Warum dürfen Frauen nicht Priesterin werden?" mit Standardsprüchen reagieren. Die sie abschmettern. Die sich nicht einmal verunsichern lassen. Dieser Streifzug will vor allem eines: mit diesem permanenten, penetranten "Warum?" irritieren. Die Gegen-Irritation begegnet mir ständig: Muss es denn unbedingt die Weihe sein?

Wenige Tage, bevor ich das Manuskript abschließe, moderiere ich eine Podiumsdiskussion mit einem Bischof. Er wirbt vor weiblichem Publikum für die geweihte Diakonin. Das sei das "Zeichen der Zeit", sagt er. Und Priesterinnen? Unmöglich, meint er, und spricht ergriffen vom Abendmahl und der Männlichkeit Jesu. Nach der Diskussion fragt er: "Soll ich Ihnen den Frauenförderplan meines Bistums zeigen, ich habe ihn in der Tasche?" Was dem Verführer von früher die Briefmarkensammlung war, ist dem aufgeschlossenen Bischof von heute der Frauenförderplan. Welches weibliche Wesen kann dazu schon Nein sagen? Wer mag da noch von Diskriminierung sprechen? Mit den griffbereiten Zahlenwerken verbindet sich der Vorwurf: Es gibt weltweit rund 400.000 Priester, gemessen an 1,2 Milliarden Katholikinnen und Katholiken eine Mini-Gruppe. Weiberaufstand bedeutet gemäß dieser Lesart: Viel Lärm um wenige Stellen.

Doch diese Rechnung fällt zu schlicht aus. Wer beharrlich wissen will, warum Frauen nicht Priesterinnen sein dürfen, bemerkt schnell den weiträumigen Konflikt dahinter: In der Kirche sind Frauen Platzanweisungsobjekte. Dokumente, die vorgeben, von Männern und Frauen zu handeln, setzen vor allem Katholikinnen Grenzen. Diese Haltung spüren alle, und nicht nur die wenigen, die sich zur Priesterin berufen fühlen.