Die Strecke, auf der der Rechtsanwalt Barnabas Holmer der etablierten Politik abhandengekommen ist, führt vorbei an Wasser und Feldern, an Dünen und Wäldern. Traumhafter Blick aus dem Autofenster. Aber Barnabas Holmer kann ihn nicht genießen. Er ärgert sich auch an diesem Morgen wieder, dass er in seinen Mercedes steigen muss. Weil er Stunden darin verbringen wird.

Denn an jedem Tag, an dem eine Gerichtsverhandlung ansteht, muss Anwalt Holmer von Ahlbeck auf der Insel Usedom, seinem Wohnort und Sitz der Kanzlei, nach Greifswald, zum Amtsgericht. Anderthalb Stunden, das ist die Fahrtzeit im Winter und vielleicht noch im Frühjahr. Im Sommer aber, wenn auf Usedom alles voll ist mit Touristen, wenn die Autos aus München und Dresden sich auf der Peenebrücke stauen, da braucht er locker zwei Stunden. Oder drei. "Ich bin verbittert", sagt Holmer. Nicht, weil er schon ein kleines Vermögen für Hörbücher ausgegeben hat. Sondern weil ihn die Politik ärgert, die hinter seinem Pendlerschicksal steckt.

Die Ursache für Holmers Groll trägt den sperrigen Namen "Gerichtsstrukturneuordnungsgesetz". Elf von 21 Amtsgerichten in Mecklenburg-Vorpommern mussten auf Grundlage dieses Gesetzes in den vergangenen Jahren schließen. Das Wolgaster Amtsgericht, an dem die Fälle von Holmers Klienten bislang verhandelt wurden und das für die Insel Usedom zuständig war, machte zum 1. September 2015 dicht.

Noch effektiver, noch kompetenter hätten die Gerichte durch die Zusammenführung werden sollen: "Aber nichts von dem ist passiert", sagt Holmer. Über Jahrhunderte habe die Funktion eines Amtsrichters darin bestanden, dass er als Respektsperson Recht gesprochen habe. "Jetzt fehlen diese Respektspersonen vor Ort. Es fehlt wieder ein Stückchen Demokratie. Es ist wieder ein bisschen schwieriger geworden."

Holmer hat all das zu einem drastischen Schritt bewogen. 20 Jahre war er Mitglied der CDU, engagierter Kommunalpolitiker. Nun hat er die Partei verlassen – weil sie die Gerichtsreform unterstützt hat. Diese Reform, sagt Holmer, sei eine zu viel gewesen.

Die Reformen und die Wut

Vielerorts in Ostdeutschland wächst der Ärger über den immensen Vergrößerungs-Eifer, der die Landesregierungen in den vergangenen Jahrzehnten angetrieben hat und der wohl in Mecklenburg-Vorpommern auf die Spitze getrieben wurde: Polizeibezirke, Finanzämter, Landkreise, Umweltämter, Krankenhäuser und Gerichtsbezirke wurden zusammengelegt. War das wirklich so eine gute Idee?

Seit die AfD in Truppenstärke in allen ostdeutschen Landtagen sitzt, seit die Wut in Wellen durch die neuen Länder schwappt, wächst jedenfalls auch eine Einsicht: Im Osten, wo die Demokratie fragiler ist als anderswo, verflüchtigt sich der Staat aus den entlegeneren Provinzen. In Mecklenburg-Vorpommern sind aus anfangs 30 Landkreisen im Lauf der Jahre sechs Großkreise geworden; fünf davon größer als das Saarland – jeweils. Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg hat es imposante Gebietsreformen gegeben: In Sachsen wurden aus 48 Kreisen zehn; in Sachsen-Anhalt aus 37 Kreisen elf. Sachsen-Anhalt hat Gemeindereformen hinter sich, die dazu führten, dass Gardelegen und Möckern die flächenmäßig dritt- und viertgrößten Kommunen der Republik wurden, direkt hinter Berlin und Hamburg, aber vor Köln oder München. Bürgermeister regieren Gebiete, die eigentlich von Landräten regiert werden müssten. Manche Dorfbewohner fahren eine Stunde bis zum Bürgermeisteramt.

Die Reformen wurden mit Sparzwängen begründet, mit dem Wunsch nach effizienteren Verwaltungen. Jetzt aber gibt es erstmals Studien, die das Gegenteil belegen: Offenbar haben die großen Gebietsreformen im Osten so gut wie kein Geld gespart. Aber eben, stattdessen, der Demokratie geschadet.

Es ist immanent: In jenen Ecken von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, in denen die Gebiets- und Verwaltungsreformen besonders drastisch ausgefallen sind, konnten AfD-Leute Direktmandate erobern. Sind AfD-Kreisverbände besonders stark aufgestellt. Sind Bürger besonders wütend. Nicht jedes Problem ist auf die Kreisgebietsreformen zurückzuführen, natürlich nicht. Aber manches Problem ist durch sie vergrößert worden. So verliert die Politik den Kontakt zu vielen Bürgern, und schlimmer noch: Viele Bürger verlieren den Kontakt zur Politik.

Man könnte sagen: Gut, nun sind die Reformen eben geschehen. Schwamm drüber.

Aber die nächsten sind schon in Planung. In Brandenburg und Thüringen sollen Landkreise fusioniert, allein in Thüringen zusätzlich Hunderte Gemeinden zusammengelegt werden. Dabei würde gerade Thüringen für ein Demokratie-Experiment taugen: Ist der Staat dort stärker, wo seine Strukturen kleinteilig geblieben sind? Nirgendwo sonst im Osten gibt es noch so intakte, kleine Kommunen. Starke regionale Verwurzelung. Soll man das über Bord werfen?

Der Forscher

Felix Rösel hat eine deutliche Antwort auf diese Frage, sie lautet: Auf keinen Fall. Der Wissenschaftler am Dresdner ifo Institut hat alle Studien ausgewertet, die sich in den vergangenen Jahren mit Gebietsreformen befasst haben, und er sagt: "Dort, wo Kreise oder Gemeinden fusionieren, sinkt das Engagement der Bürger, es sinkt die Wahlbeteiligung – und es profitieren Populisten."

Rösels Untersuchung, die in diesen Wochen unter Ministerialbeamten und Landtagsabgeordneten hektisch herumgereicht wird, sorgt insbesondere in Brandenburg und Thüringen für Aufregung; dort also, wo die Regierungen gerade um die nächste Reform kämpfen. Rösel kann zum Beispiel belegen, dass die Zahl der Kandidaten für Kreistagswahlen in Sachsen nach der dortigen Gebietsreform 2008 signifikant gesunken ist, im zweistelligen Prozentbereich. Das ist allerhand in einem Bundesland, das nach 1990 ohnehin Probleme hat, Personal für Kommunalpolitik zu rekrutieren. Ein weiteres "Desaster", sagt Rösel, werde von einer Studie in Mecklenburg-Vorpommern verdeutlicht: Dort seien die Kreistagsmitglieder der neuen Großkreise "massiv überlastet" mit ihrer Zuständigkeit für riesige Flächen. Die Frustration wachse. Wo Frustration wächst, werfen Ehrenamtliche hin.

Aber eine Gruppe fange die Unzufriedenheit in solchen Gegenden auf.

Wer?

"Populisten", sagt Rösel. Wer Bürgern die lokale Identität nehme, sorge dafür, dass sie sich nach einer stärkeren nationalen Identität sehnten. Das alles habe man vor zehn Jahren noch nicht absehen können. "Aber jetzt könnte man schlauer sein."

Die Ministerin

Die Politikerin Petra Köpping ist heute schlauer als vor zehn Jahren. Eine Bürgerrunde in Leipzig, an einem Dienstag im Frühjahr. Das Thema: "Hauptsache dagegen? – Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Populismus und die schweigende Mehrheit". Köpping sitzt auf der Bühne, eine Frau von 58 Jahren, sie ist SPD-Integrationsministerin in Sachsen und war Landrätin im Leipziger Land von 2001 bis 2008. Damals, nach der Kreisgebietsreform, als zum Beispiel der sächsische Kreis Bautzen so groß wurde wie das Saarland, verlor Köpping ihr Amt. Damals war sie trotzdem Verteidigerin der Gebietsreform. Sie warb sogar in einer Broschüre des Innenministeriums dafür.

Und heute? Bereut sie. Die Fehler. Den Furor. Den Schaden für die Demokratie.

In der Zeit nach dem Mauerfall, sagt Köpping auf der Bühne, hätten sich viele Bürgerinnen und Bürger in ihren Gemeinden leidenschaftlich engagiert. Ihr falle sofort ein Beispiel ein: Liebertwolkwitz, eine Kommune bei Leipzig, die eingemeindet wurde. "Da waren die Straßen wieder dreckig", sagt Köpping, "da war das Rathaus leer, da machte ein Laden nach dem anderen zu, da hörte das Dorf auf zu leben. Und die Menschen, die vorher dort aktiv waren, waren einfach weg." Für sie, sagt Köpping, sei der Aufstieg der Populisten eng verknüpft mit einem immer größer werdenden Gefälle zwischen Stadt und Land im Osten. "Und zu den Ursachen dafür gehört", sagt sie, "dass wir nach 1990 eine Reform nach der anderen durchgeführt" haben. "Falsche Reformen", die "ein Stück Demokratie abgeschaltet" hätten.