Es sind noch vier Tage bis Weihnachten, als Jan Urhahn einen gelben Umschlag in seinem Briefkasten findet. "Förmliche Zustellung", steht darauf. Noch im Treppenhaus reißt er den Brief auf. Ein Stempel fällt ihm ins Auge, oben rechts: "Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg". Er liest: "Klage", "vorläufiger Streitwert ca. 9.877,32 Euro", dann: "Hiermit erheben wir Klage mit dem Antrag, den Beklagten zu verurteilen, die von ihm innegehabte Wohnung zu räumen und an die Klägerin herauszugeben." Die Gerichtskosten, liest Urhahn, solle der Beklagte tragen. Also seine WG.

Urhahn stolpert in die leere Wohnung, seine Mitbewohner sind schon im Urlaub. Eine Zwangsräumung. Ihr Vermieter will sie aus der Wohnung räumen lassen. Das bedeutet: Der Gerichtsvollzieher kommt, notfalls bricht er die Schlösser auf. Wenn sie nicht freiwillig gehen, rückt ein Polizeikommando an und trägt sie raus. Urhahn und seine Mitbewohner sind reguläre Mieter, aber nun sollen sie aus ihrer Wohnung entfernt werden, als wären sie Hausbesetzer.

Fünf Monate später, Jan Urhahn, 35 Jahre alt, sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer, in einem Hinterhaus in Berlin-Kreuzberg. Die Holzdielen sind abgewetzt, die Backsteinwände unverputzt, es gibt eine verstaubte Minibar. Urhahn, ein ruhiger Typ mit dunklen Locken und Bart, schenkt Kaffee ein, dazu Hafermilch. Er ist Referent für Entwicklungspolitik bei einer NGO, seit sieben Jahren wohnt er hier. Seine Mitbewohner arbeiten an der Uni. Ist das das Ende ihrer WG? In wenigen Tagen entscheidet das Gericht über die Klage auf Zwangsräumung.

Seit Kurzem haben Urhahn und seine Freundin eine Tochter, sie sitzt auf seinem Schoß, als er von jenem Dezembertag erzählt. "Ich dachte irgendwie immer, Gentrifizierung, das passiert anderen", sagt Jan Urhahn.

Er hat erlebt, dass der Teeladen unten im Haus einer Pizzeria mit Stoffservietten und Instagram-Account weichen musste, dass gegenüber ein Vier-Sterne-Designhotel aufmachte und das Vereinsheim an der Ecke zu. Urhahn kennt diese Prozesse, als Student hat er Soziologiekongresse über Gentrifizierung besucht, er hat seine Magisterarbeit über Verdrängung in Neu-Delhi geschrieben. Aber eine Zwangsräumung? Er?

5.000 bis 7.000 Termine für solche Räumungen gibt es jedes Jahr in Berlin. Menschen müssen ihre Wohnung verlassen, weil sie die Miete dafür monatelang nicht gezahlt haben oder weil sie sie verwahrlosen ließen. Man trifft auf Geräumte, die auf der Straße landeten, andere fanden mit Glück einen Platz in einer Notunterkunft. Es sind traurige Geschichten von Krankheit, Alkoholsucht, Schulden und Inkassobüros. Viele, sagt eine Caritas-Mitarbeiterin, würden "nach unten durchgereicht", sie verlören mit der Zwangsräumung mehr als nur die Wohnung.

Aber inzwischen trifft es auch Leute wie Urhahn, die ihre Miete pünktlich überweisen. Sie werden Opfer von Investoren, die ihre Profitinteressen mit drastischen Mitteln verfolgen. In umkämpften Märkten wie der Berliner Innenstadt, sagen Sozialwissenschaftler, ist fast jeder Mieter potenziell bedroht, "entmietet" zu werden. Anders als noch vor zehn Jahren, berichten Mitarbeiter von Bezirksämtern in einer Studie über Zwangsräumungen, gehe die Entwicklung hin "zu allen Bevölkerungsschichten, allen Berufssparten, allen Nationalitäten".

Für Jan Urhahn beginnt alles am 16. Juli 2014. Die Hausverwaltung schickt einen Brief. Betreff: "Anstehende Veränderungen im Haus". Urhahns Wohnhaus solle in Wohneigentum aufgeteilt werden, der Eigentümer plane den Verkauf der einzelnen Wohnungen. Die "kommunikative Begleitung dieses Prozesses" werde ab sofort ein Dienstleister übernehmen.

Als Urhahn in die Wohnung einzog, gehörte das Haus einer Familie, schon in zweiter Generation. Es waren Vermieter alter Schule: Sie investierten wenig, erhöhten die Mieten aber auch nicht, zu ihren Mietern waren sie freundlich. Das Schreiben macht Urhahn und seine Mitbewohner misstrauisch. Als sie im Internet nach dem neuen Dienstleister suchen, ploppt das Stichwort "Entmietung" auf. Die Häuser, die der Dienstleister betreut, steht da, leerten sich erstaunlich schnell.

Am Abend setzt sich die WG am Küchentisch zusammen. Krisensitzung. Müssen sie bald alle raus? Er habe sich, sagt Urhahn, plötzlich fremdbestimmt gefühlt, "irgendwie ausgeliefert". Im Laufe des Gesprächs beschließen sie, sich eine Anwältin zu nehmen. Sie ahnen, was folgen wird.