Donnerstagnacht, nachdem es zwölf geschlagen hat, will der Bundestag in erster Lesung ein Gesetz beraten, das Presseverlagen einen Teil ihrer digitalen Umsätze abschneiden könnte. Das sind schlechte Nachrichten für eine Branche, die sowieso mit schwindenden Einnahmen aus Print- und Online-Werbung zu kämpfen hat und um jeden zahlenden Leser ringt.

Auslöser ist: Die Bundesregierung will eine Flatrate für Wissenschaft und Bildung schaffen. Forscher und Studenten sollen elektronische Bücher, Aufsätze und Artikel umfassender als bisher nutzen können. Davon profitieren sollen auch private Forschungs- und Bildungseinrichtungen, wenn sie nicht kommerziell arbeiten. Die Bundesregierung hofft so, die Lehre etwa an Universitäten und Fachhochschulen zu verbessern und die Wissensgesellschaft zu fördern. Es treibt sie ein edles Motiv.

Doch dabei geht das Bundesjustizministerium ziemlich locker darüber hinweg, was das Gesetz in den Verlagen anrichten könnte. Presseartikel sollen demnach vollständig in Forschung und Bildung genutzt werden können, während wissenschaftliche Aufsätze und Artikel nur, wenn auch großzügig, zitiert werden dürfen.

Die finanziellen Folgen für die Presse hat das Ministerium erst gar nicht erhoben. Ganz anders ging es mit den Nutznießern des Gesetzes um, den Bibliotheken. Ihnen wurde eine ausführliche Studie gewidmet.

Vor einer Woche hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) nun einen Aufschrei veröffentlicht. Herausgeber und Geschäftsführer warnten in einer ganzseitigen Anzeige vor dem Gesetzentwurf. Man betrachte ihn "mit großer Sorge" und und sehe ihn als "einen Angriff auf die wirtschaftlichen Grundlagen der freien Presse".

Um das nachzuvollziehen, muss man ein wenig in die Tiefen des Verlagsgeschäfts tauchen und dann in den Gesetzentwurf einsteigen.

Verlage verdienen unter anderem Geld damit, dass sie Außenstehenden den Zugang zu ihrem Archiv gewähren. Früher musste man dafür persönlich vorbeikommen oder sich Kopien schicken lassen. Heute reicht ein Zugang zu einem Server, auf dem die digitalisierten Archive gespeichert sind. Das hat das Geschäft befördert. Firmen geben Recherchen in Auftrag, große Sonderforschungsprojekte an Universitäten erwerben Lizenzen für eine umfassende Nutzung. Die Umsätze wachsen.

Attraktiv an diesem Geschäft ist: Es erzeugt kaum neue Kosten, der Aufwand für die redaktionelle Arbeit ist längst abgerechnet. Es ist also sehr profitabel. Eine Zweitverwertung eben.

Und mit jedem Tag werden solche Einnahmen attraktiver, weil das traditionelle Geschäft der Verlage einem so starken Wandel unterworfen ist. Seit 15 Jahren ist von dieser Entwicklung überall zu lesen, und auch in diesem Jahr sinken die Werbeeinnahmen wieder, ein Minus von mehr als zehn Prozent ist eher die Regel als die Ausnahme. Werbekampagnen werden nach und nach ins Fernsehen umgeleitet und zu Google oder Facebook umgeschichtet. Archivgeschäfte können da einige Lücken schließen und so den heutigen Journalismus mitfinanzieren.