Gottesdienste, Theatervorstellungen und Stierkämpfe haben eines gemeinsam. Man weiß immer schon vorher, wie die Sache ausgeht. Das Brot wird so sicher gewandelt, wie Held und Stier sterben müssen. Die Handlung ist im Wesentlichen bekannt, verliert dadurch allerdings wundersamerweise gar nichts von ihrer Faszination. Das Publikum wird weniger von überraschenden Wendungen in den Bann geschlagen denn von einer gelungenen Interpretation.

Wann ist nun eine Interpretation gelungen? Im Gottesdienstfall gilt: Wenn sie werktreu ist und sich möglichst wenig selbst einfallen lässt. Das Gegenteil wird hartnäckig gefordert. Ein Gottesdienst müsse modern sein, neu, frisch, fresh oder zeitgemäß, jedenfalls um irgendwas ergänzt, was das Drehbuch selbst nicht hergab. Dieser Innovationswahn gehört beendet. Wer nicht besser sein kann als das deutsche Kirchenlied des 19. Jahrhunderts, der sollte sich nicht an Innovationen versuchen. Pfarrer sind keine Künstler und sollten es auch nicht sein müssen.

Kürzlich gab der Theologe und Pastoralforscher Matthias Sellmann dem Deutschlandfunk ein Interview. Er forderte, dass eine gute Liturgie alltäglich und alltagsnah sein müsse. Er könne wenig damit anfangen, wenn das Formprinzip übersteigert werde, sagte Sellmann. Alltagsnah, das klingt schon wieder nach simplen Texten und schlechtem Gesang. Alltag hat man auch zu Hause, Sakralität weniger. Und warum nicht das Formprinzip übersteigern, es gewährleistet doch die Qualität?

Denn niemand will im Gottesdienst überrascht werden und meist dann böse. Im Gegenteil möchte man doch lieber eine einzige Sache erleben, die Wiederholung des Immergleichen. Sie ist das Spannende und nicht das Langweilige. Sicher, man wird kirchenseits nervös, wenn die Leute in Scharen weglaufen und das Wort "Sonntagspflicht" eigentlich niemandem unter 80 mehr etwas sagt, aber ich wüsste gerne mal: Ist einer mehr geblieben, weil anstatt einer Orgelimprovisation ein schlechtes E-Gitarren-Solo gegeben wurde?

Innovation in der Liturgie ist eine rutschige Angelegenheit. Ein Beispiel aus Südwestdeutschland zu Ostern 2017: In einer voll besetzten Kleinstadtkirche wurde das Entzünden der Osterkerze am Osterfeuer live auf eine Leinwand in die Kirche übertragen. Ein einziger fehlgeleiteter Transparenz- und Eventwahn. Die Übertragung war eher schlecht, man sah wenig, außer Flammen, hörte nur Rauschen, hätte es darum vorgezogen, beide Sinneseindrücke gar nicht zu haben und sich das Ganze stattdessen einfach nur vorzustellen.

Als die Übertragung zu Ende ging und die Protagonisten die Kirche betraten, drohte das weitaus größere Unheil. Die Leinwand musste irgendwie weg. Sie rollte sich dann sehr spontan von selbst und lautstark ein, jalousieähnlich, einen kurzen Moment später klatschte sie schon auf den Boden. Gemeinde: vergräbt Gesicht in den Händen. Aber dann noch mal von Neuem mit Haltung den Klassiker "Preis dem Todesüberwinder" schmettern müssen!

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Dass hin und wieder das Profane einbricht, geschenkt. Wer ohne Sünde ist, werfe die erste Leinwand. Das Profane, es kommt von ganz allein, beim Friedensgruß zum Beispiel. Ach, Herr Schmitz, auch da? Aber man muss es doch nicht ohne Not verstärken. In einem Betonbau mit Neonröhren, da kann einem vielleicht ein Schlagzeug oder ein Keyboardteppich irgendetwas geben. Aber die meisten Kirchen sind alt. Ölgemälde und E-Gitarren? Putten und Rap? Oder, ganz schlimm, Geistliche in vollem Ornat, die dann gegen Ende hin die Gemeinde noch mal mit einem Witz, ja, einem Witz, beeindrucken wollen. Ein Gottesdienst und Gelächter? Hebt sich da nicht die Wirkung wechselseitig auf?

Das ganze Problem dieser krampfigen Modernisierungsversuche besteht in dem Abgrund, der sich zwischen der alten Form und ihren falsch-innovativen Ergänzungen auftut. In diesem Abgrund wartet die Komik, die unfreiwillige.