Nein, Adolf Hitler hat den "Gutmenschen" nicht erfunden, Friedrich Nietzsche auch nicht. Hitler hetzte gegen "gutmeinende" Menschen, denen das völkische Bewusstsein fehle. Und Nietzsche spießte in der Genealogie der Moral mit giftiger Feder einen Typus auf, der sich stets als "guter Mensch fühlt". Der sei "vollkommen unfähig, zu einer Sache anders zu stehn, als abgründlich-verlogen, unschuldig-verlogen, treuherzig-verlogen, tugendhaft verlogen".

Etwas knapper darf man den Gutmenschen auch "Heuchler" nennen, der das eine sagt, das andere glaubt und tut. Zur Redewendung geronnen sind zwei Zeilen aus Heinrich Heines Wintermärchen: "Ich weiß, sie tranken heimlich Wein / Und predigten öffentlich Wasser." Neu tritt der Gutmensch in den 1980ern auf, als Bruder der Political Correctness, die wiederum eng verwandt ist mit der "korrekten Einschätzung" im Kommunismus. "Korrekt" war, was die Partei vorgab, um Abweichler, linke wie rechte, zu stigmatisieren.

Mitte der Neunziger gab der Gutmensch schon genug Stoff her, um das zweibändige Wörterbuch des Gutmenschen (herausgegeben von Klaus Bittermann, Gerhard Henschel, Wiglaf Droste) zu füllen – hauptsächlich mit Ironie und Spott. Dann aber wird es ernst. Der Gutmensch ist nun Kampfbegriff. Aus "Lacht ihn aus!" wird "Mach ihn fertig!".

Linke und Rechte spielen mit. Rechts heißt es: "Der Gutmensch ist ein Moralapostel, der sich die bessere Gesinnung bescheinigt, um über Sprache, Denken und Verhalten zu herrschen." Ganz rechts heißt es: "Der schwingt die Moralkeule." Linke nennen ihren Feind nicht "Schlechtmensch", meinen es aber, wenn sie sagen: "Du bist rassistisch, homophob und frauenfeindlich." Man will den Gegner mundtot machen. Fazit: Beide Seiten streiten ad hominem. Auf Deutsch: Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht? Der letzte Schrei kommt aus dem Englischen: virtue signalling. Kein Laden, der sich nicht mit "Bio" brüstet, kein Auto- oder Energiekonzern, der nicht "öko" ist. Sie plakatieren ihre edle Denkungsart: "Schaut, wie toll ich bin!" Das ist die Message aller Gutmenschen: "Ich bin so gut, ich kann nichts Böses tun."

2015 wurde der Gutmensch "Unwort des Jahres". Ist damit alles gut? Dass der Mensch sich groß in Pose wirft, die Unsitte ist so alt wie Matthäus (6,1): "Wenn du nun Almosen gibst, sollst du nicht vor dir her posaunen lassen."