Der große Nachbar macht nicht mit. Vor wenigen Tagen hat Peking zur großen Seidenstraßen-Konferenz geladen. Es geht dabei um zahlreiche Verkehrs- und Infrastrukturprojekte, mit denen die chinesische Regierung zu Land und zur See weltweit neue Handelsrouten schaffen will. Selbst traditionell China-skeptische Mächte wie Japan oder die USA waren auf der Konferenz vertreten, auch EU-Staaten wie Deutschland.

Nur Indien nicht. Mit einer dramatischen Geste boykottierte es das diplomatische Treffen – und nimmt damit bewusst und demonstrativ eine Gegenspielerposition ein.

Offiziell zeigt sich Neu-Delhi verärgert darüber, dass der sogenannte chinesisch-pakistanische-Korridor, ein wichtiger Teil des Seidenstraßen-Projekts, durch den pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs führt. Das ist ein Territorium, das Indien beansprucht. Aus indischer Sicht wird das umstrittene Gebiet damit unrechtmäßigerweise Pakistan zugeschlagen, was man keinesfalls akzeptieren will.

Tatsächlich treiben die Inder viel größere geopolitische Sorgen um. China, so sieht man es in Indien, mache Pakistan mithilfe seiner Investitionen zu einem Vasallenstaat, den Peking dazu nutze, Indien einzudämmen, ohne selbst dabei groß in Erscheinung zu treten. China sei es nur recht, wenn Pakistan einen endlosen Kleinkrieg gegen Indien führe, mit Grenzscharmützeln oder Anschlägen in Kaschmir. Gerate Pakistan unter internationalen Druck, wenn es etwa verdächtigt werde, Terroristen zu unterstützen, würden die Chinesen ihren Verbündeten immer wieder vor internationaler Verurteilung schützen.

Doch auch sonst fühlt sich Indien von chinesischen Ambitionen bedrängt. Südasiatische Inselstaaten wie das kleine Sri Lanka oder die winzigen Malediven waren jahrzehntelang Teil der indischen Einflusssphäre. Jetzt hat Peking sie als strategische Punkte seiner maritimen Seidenstraße ausgemacht, bietet den Ausbau von Häfen und enge wirtschaftliche Kooperationen an. Die Inselstaaten genießen die neue Aufmerksamkeit und spielen Neu-Delhi und Peking gegeneinander aus. Der Indische Ozean ist nicht mehr automatisch nur Indiens, sondern ebenso Chinas Ozean.

Für Indien ist die Seidenstraße damit zum Inbegriff einer ganz Asien umfassenden Hegemonialpolitik Chinas geworden. Ob Neu-Delhi allerdings eine erfolgreiche Strategie gegen die chinesische Dominanz entwickeln kann, ist zweifelhaft. Es plant eine engere Zusammenarbeit mit Japan – mit gemeinsamen Infrastrukturprojekten von Ostafrika über den Iran bis nach Südostasien will man der Seidenstraße Konkurrenz machen. Bislang sind das aber nur vage Ideen. Einstweilen besteht Indiens Politik aus einem halb ängstlichen, halb trotzigen Nein.