Schon eine Viertelstunde plaudert der Obdachlose mit dem Bischof, der anscheinend keine Eile hat. Halb München hastet an ihnen vorbei, aber die beiden stehen im grauen U-Bahn-Tunnel am Sendlinger Tor so entspannt wie in der Sonne. Der Kleriker im weißen Kollarhemd. Herr Adamik mit schwarzem Hütchen, in der Hand die Obdachlosenzeitung Biss. Er sei der beste Verkäufer, schlage monatlich 1600 Exemplare los. Weil der Bischof beifällig nickt, setzt Adamik noch einen drauf: Er arbeite nie mit der "Mitleidsmasche", sondern unterhalte sich mit den "Kunden". Kommunikation: Das ist auch das Thema des Bischofs. Er will eine "kommunikative" Kirche, die nicht in sich verkrümmt ist, sondern aus sich herausgeht.

Und hier macht der oberste deutsche Protestant es vor: Öffentliche Theologie. Er war sogar mal Professor für das Fach, aber letztlich ist es eine Sache des Charakters. Man braucht Unbefangenheit, Freundlichkeit, Neugier und den Glauben an andere. Der Pfarrerssohn aus Franken verfügt über all diese Eigenschaften. Wenn es stimmt, dass in Zeiten politischer Abschottung Leute gebraucht werden, die mit jedem reden, auch mit ihren Gegnern, dann ist er der Richtige.

Der 57-jährige Ratsvorsitzende der EKD zankt sich auf Facebook mit Rechtspopulisten ebenso wie mit Linksradikalen. Die Post schreibt er, zum Entsetzen seiner Pressesprecher, selber. Er denkt sogar selber. Befürwortet Kirchenasyl, ist aber nicht prinzipiell gegen Abschiebung. Setzt sich für Arme ein und versteht sich mit Unternehmern. Redet mit der Kanzlerin ebenso wie mit dem Papst. Er benutzt nicht einfach die Floskel, der Islam gehöre zu Deutschland, sondern fordert seine Christen auf, einen "menschenrechtsverbundenen Islam" zu unterstützen.

Bedford-Strohm ist der Chef des größten Gutmenschenclubs der Republik: der evangelischen Kirche. Sie ist so friedensbewegt, schöpfungsbewahrend, gleichberechtigt und interreligiös, dass viele sie deshalb verspotten. Kann Heinrich Bedford-Strohm seine Kirche von diesem Image befreien? Evangelische tun unbestritten viel Gutes, aber sie tragen manchmal auch zu viel des Guten vor sich her. Rechtskonservative Denker wie Karl Heinz Bohrer von der Zeitschrift Merkur machten sich deshalb schon immer über den Kirchentag lustig: Der Linksprotestantismus sei wohlfeil, besserwisserisch und politisch naiv. Leider ist an diesem Ressentiment auch etwas Wahres. Denn es gibt in der Kirche eine Bonhommerie, die unangenehm an den Moralismus der Bonhommes, der "wahren Christen" des Mittelalters, erinnert. Heute zeigt sie sich gern als christlich-ökologisch-pazifistisch-feministisch-multikulturalistische Selbstgefälligkeit.

Deshalb muss Bedford-Strohm mit den alten Idealen der Reformation neu überzeugen: Gewissensfreiheit, Gottesgnadentum, Antiklerikalismus. Luthers polterndes Temperament hat er nicht, dafür ist er auf Versöhnungskurs mit dem Papst. Wie Franziskus wirkt er auf den ersten Blick fröhlich fromm, hat aber eine harte Reformagenda. Er will seine Kirche überlebensfähig machen, denn: "Nur eine dienende Kirche kann eine glaubwürdige Kirche sein." Glaubwürdig wird sie aber nicht durch Moralisieren, sondern durch angstfreies Reden und Tun.

Ihn stört, "wenn Christen denken, sie müssen ihr moralisches Punktekonto auffüllen"

Auf seiner Münchner Besuchstour trifft er gleich ein halbes Dutzend Obdachlose. Er radelt durch den strahlenden Mai zu den ärmlichen Gestalten im Schatten der Gesellschaft, am Rand des kollektiven schlechten Gewissens. Der Bischof hat als junger Pfarrer in einer Wärmestube für Obdachlose gearbeitet und erklärt mit Nachdruck: Nein, er habe kein schlechtes Gewissen. Die Armen seien für ihn nicht Opfer, sondern würdevolle Menschen – nur eben weniger gesegnet als er selbst. Er wolle von diesem Segen abgeben. Wie viel? Das beschäftigt ihn seit Langem. Seine Promotion hieß Vorrang für die Armen. Er arbeitete an zwei EKD-Denkschriften über Armut mit, sympathisiert mit den Befreiungstheologen, war aber nie ein linker Dogmatiker. Denn: "Am sogenannten Gutmenschentum stört mich die soziale und ökologische Korrektheit: wenn Christen denken, sie müssten ihr moralisches Punktekonto auffüllen, indem sie andere abwatschen."