Dass wir den Schlager brauchen, weil er Geschichten erzählt, die sonst nicht erzählt werden, daran erinnert uns die Schlagerinterpretin Helene Fischer auf ihrem neuen Doppelalbum. Schon lang nicht mehr getanzt heißt da ein Lied, es beginnt so: "Sie kommt wie immer spät nach Haus / Nimmt so wie jeden Tag die Post mit rauf / Macht sie nicht auf". Wie glänzend richtig hier jedes Wort sitzt und wie das Bild eines Menschen sich entfaltet, der ganz Zeitgenosse ist. Noch unter genug Spannung, nach einem verzehrenden Bürotag die Post pflichtbewusst aus dem Kasten zu nehmen, man hat sich im Griff, ist nicht umgekippt; jedoch schon genug in Schräglage geraten, um die Briefe dann nur ungeöffnet auf den Küchentisch zu werfen, weil mit dem Übertritt der Türschwelle wie von Hexenhand die letzte Kraft entwich. Zum Glück kommt später Lanz.

In Fischers Lied ist unter den Briefen natürlich doch einer, den der Mensch abends noch öffnet: Die große, verflossene Liebe hat geschrieben. Da erzählt der Schlager wieder, was alle erzählen, aber kurz wenigstens schien er Musik nicht für den Dancefloor, sondern den Hausflur zu sein, über den sonst keiner singt. Es sind zwar nur drei Zeilen auf einem sehr langen Doppelalbum, aber wer ist man, sich mehr zu erhoffen. Schließlich wird auch heute Abend in der Post kein Brief von dir sein.