Letztes Wochenende wurden in New York Fotografien von Männern in der Uniform der deutschen Wehrmacht aufgehängt: darunter Robert Redford, Jean-Paul Belmondo, Buster Keaton, Harrison Ford, Klaus Kinski, Curd Jürgens und Marlon Brando. Die Schauspieler-Fotos, die aus Kriegsfilmen stammen, sind Teile eines Kunstwerks des jungen polnischen Künstlers Piotr Uklański, das diese Woche beim Auktionshaus Phillips versteigert wurde. Die Fotoserie heißt The Nazis, um die Stereotype unseres Denkens und Sehens lustvoll herauszufordern und zu sensibilisieren für die Rollen des Bösen und die Funktionsmöglichkeiten einer Uniform zwischen Code und Kotau.

Letztes Wochenende wurde gleichzeitig in Hamburg im Studentenwohnheim der Bundeswehr-Universität am Schwarzen Brett im Wohnblock-Flur W7 das Foto von Helmut Schmidt in Wehrmachtuniform abgehängt. Das Bild der Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen im strengen Hosenanzug links daneben blieb hängen. Sie war es, die nach dem Bekanntwerden des Skandals um den terrorverdächtigen Bundeswehroffizier Franco A. anordnete, dass alle Kasernen nach Wehrmachtdevotionalien durchkämmt werden sollten. Infolgedessen wurde das Foto Schmidts als Leutnant der Luftwaffe aus dem Jahre 1940 wegen seines angeblichen Gefahrenpotenzials entfernt. Der so wichtige Kampf gegen rechtsextreme Umtriebe in der Bundeswehr wird durch diese Überreaktion leider konterkariert. Aber mindestens so symbolisch wie das Abhängen des Fotos, dieser naive Wunsch nach einer besenreinen deutschen Vergangenheit, ist die Verstörung, die der Versuch einer Geschichtsklitterung jetzt erzeugt hat. Denn genau in diesem Trotz zeigt sich, dass Deutschland nach den großen Debatten über die Wehrmachtausstellung und Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker gelernt hat, zwischen kollektiver Verurteilung und individueller Beurteilung zu unterscheiden.

Dieser Vorgang ist nicht Gegenstand eines Leitartikels, weil es sich bei Helmut Schmidt um einen ehemaligen Herausgeber der ZEIT handelt, sondern weil er einen entscheidenden Reifepunkt in der deutschen Mentalitätsgeschichte markiert. Wir haben gelernt, dass die Zeit in der Wehrmacht ein unauslöschlicher Teil der Biografie von Schmidt und von Millionen deutschen Vätern und Großvätern ist. Wenn jetzt im Stile der protestantischen Bilderstürmer versucht wird, das Böse nicht länger vor unsere Augen treten zu lassen, dann wird eine Chance vertan. Die damnatio memoriae hat schon immer genau jene Fetischisierung der Vergangenheit erzeugt, die eigentlich bekämpft werden soll. In der aufgeregten Diskussion um die Traditionen der Bundeswehr wäre es das Klügste gewesen, das Foto des ehemaligen Wehrmachtsoldaten und späteren Verteidigungsministers nicht abzuhängen, sondern in jeder deutschen Kaserne aufzuhängen – ergänzt um das Schmidt-Zitat, wonach die heutigen Bundeswehrsoldaten das große Glück haben, "nicht missbraucht zu werden". Oder, noch eindrücklicher: "Jeder einzelne trägt Mitverantwortung, dass sich dergleichen in Deutschland niemals wiederholt."

Genau aus dem Erlebnis heraus, Befehlsempfänger in Uniform gewesen zu sein, wurde Schmidt zum vorbildlichen Demokraten, genau aus der Erfahrung seiner erzwungenen Verführung ist seine staatsbürgerliche Verpflichtung entstanden. Es ist ein deutliches Zeichen für eine reifer werdende Nation, dass sie sich offenbar dazu in der Lage sieht, die Fotos ihrer Väter und Großväter in Uniform auszuhalten. Als schmerzende, lehrende Bilder der Vergangenheit. Weil wir gelernt haben, dass leben sich irren heißt und die Biografie kein Spiel ist; dass es darum geht, was man tut in den Uniformen und Masken, die man tragen muss oder tragen will, und was man daraus zu lernen bereit ist.

Für viele Deutsche sind Fotos ihrer im Zweiten Weltkrieg gefallenen Vorfahren in Wehrmachtuniform die einzige Form einer persönlichen Erinnerung. Sollen wir die Nazisymbole in unseren Fotoalben jetzt übermalen, damit es wieder hygienischer wird in deutschen Regalen? Und: Der größten Helden aus der Zeit des Nationalsozialismus, der Widerstandskämpfer vom 20. Juli, gedenken wir in Bildern, die sie in Wehrmachtkleidung zeigen. In jeder Uniform steckt also zunächst einmal: ein Mensch.

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