DIE ZEIT: Herr Harnisch, Sie sind viel in deutschen Turnhallen unterwegs – wie geht es dem Schulsport in unserem Land?

Henning Harnisch: Schlechter, als es ihm gehen könnte. In den Grundschulen zum Beispiel sehe ich viel zu oft, wie Lehrer, die nie Sport studiert haben, den Sportunterricht geben. Viele haben noch nicht mal Sportsachen an. Ich verstehe nicht, dass da niemand auf die Barrikaden geht und die Eltern das mitmachen. Dabei waren viele Mütter und Väter selbst aktive Vereinssportler, verpassen kein Fußballspiel im Fernsehen und wissen um die Wichtigkeit von Sport im Leben. Trotzdem ist es ihnen egal, was mit ihren Kindern im Sportunterricht passiert. Aber wehe, die Noten in Deutsch oder Mathe sind schlecht, dann ist sofort Alarm.

ZEIT: Sie selbst waren lange Jahre Basketball-Profi und haben alle Höhen und Tiefen erlebt. Ist Leistungssport eine gute Schule fürs Leben?

Harnisch: In Deutschland ist der Begriff Leistungssport leider nur für eine sehr elitäre Gruppe reserviert. Dabei macht doch jeder, der sich auf Sport einlässt, Leistungssport. Weil es immer um die eigene Leistung geht, man beobachtet seinen Körper, tritt in Konkurrenz zu anderen. Ich selbst habe unter dem professionellen Leistungssport nie gelitten, habe sogar sehr davon profitiert. Ich hatte immer gute Sportlehrer, habe viele Sportarten ausprobiert. Und später war ich in guten Mannschaften mit tollen Trainern.

ZEIT: Würden Sie Eltern und Kindern empfehlen, diesen Weg zu gehen?

Harnisch: Profisport ist extrem intensiv, aber wenn man da drin ist, ist es etwas ganz Besonderes und in hohem Maße Identitätsstiftendes. Dazu kommt die Wechselwirkung mit den Zuschauern: Man bekommt ein direktes Feedback, das ist einzigartig und prägend.

ZEIT: Dabei liegen Erfolg und Misserfolg nah beieinander. Viele Sportler scheitern, werden aussortiert – was läuft da falsch?

Harnisch: Das System ist viel zu sehr von Druck beherrscht. Im Leistungssport bleibt von 1.000 vielleicht einer übrig. Wohin also mit den anderen 999? Im Fußball gibt es immerhin noch eine zweite und dritte Liga, da ergeben sich Möglichkeiten und Wege. In anderen Sportarten aber gibt es meist nur noch den Ausweg Breitensport, der ehrenamtlich geprägt ist – und da trifft man auf schlechte Strukturen und viel zu oft leider auf Trainer, die nicht entsprechend ausgebildet und motiviert sind. Das kapieren Kinder und Jugendliche sehr schnell.

ZEIT: Das heißt: Sie möchten mehr für die Aussortierten tun?

Harnisch: Die Frage ist doch, warum wir uns so sehr auf den einen oder die eine konzentrieren, die es bis ganz nach oben schafft. Warum nehmen wir nicht lieber die 999 anderen in den Blick?

ZEIT: Weil wir ohne erfolgreiche Vorbilder noch weniger motivierten Nachwuchs hätten?

Harnisch: Sicher, aber das Ziel muss sein, dass niemand, der den Sprung nach ganz oben nicht schafft, mit 14 oder 15 Jahren mit Volleyball oder Basketball aufhört, bloß weil es keine Mannschaft gibt, in der er weiterhin spielen kann.

ZEIT: Womit wir bei den Strukturen der Talentförderung wären und damit automatisch bei den Sportvereinen ...

Harnisch: ... und bei den Schulen! Genauer gesagt, bei den Sportlehrern. Ihnen sollte man mehr positive Verantwortung dafür übertragen, mehr Kinder dauerhaft in den Sport zu führen – denn bei ihnen sind schließlich alle Kinder. Sie müssten zu starken Partnern der Vereine in ihrem Stadtteil, in ihrer Region werden, ein gemeinsames Sportkonzept entwickeln, das bereits in den Kindergärten anfängt.