Rente. Ein Wort nur. Dahinter aber die Verlockung: Zurück in die Heimat ziehen, aus Frankfurt-Sachsenhausen nach Harsewinkel, Ostwestfalen. Im Garten sitzen, ab und zu den Rasen mähen, samstags den Fernseher anschalten und Bundesliga schauen. Kein Stress mehr, keine Verantwortung mehr, nur noch verantwortlich sein für das Abendessen. Heribert Bruchhagen hatte es sich so schön vorgestellt.

Dann ein Anruf, Bruchhagen erinnert sich: Heribert, kommst du zurück? Wir brauchen dich. Plötzlich rief ihn die Pflicht, den Verein zu retten, mit dem er sich so verbunden fühlt. Denn der HSV steht vor dem Zusammenbruch.

Bruchhagen hat schon einmal in Hamburg gearbeitet. Als Manager von 1992 bis 1994. Seitdem ist er Mitglied, nicht ausgetreten, obwohl er später für Arminia Bielefeld arbeitete, bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) und bei Eintracht Frankfurt. Dann, er kommentierte inzwischen für den Bezahlsender Sky, erreichte ihn dieser Anruf vom Aufsichtsrat aus Hamburg.

Bruchhagen sagt heute, er habe gleich gewusst, dass er das machen muss. Nicht wegducken, wenn es schlecht läuft, nicht weglaufen vor der Verantwortung. Er wusste aber auch: Das ist ein Himmelfahrtskommando.

Seit 2008 geht es beim HSV sportlich bergab. In den vergangenen drei Jahren spielte der Verein regelmäßig gegen den Abstieg. Sechzehn Trainer hat er in zehn Jahren verschlissen. Dabei sind die Schulden auf über 100 Millionen Euro angewachsen. Nur mit der Hilfe von Mäzen Klaus-Michael Kühne kann der Club die Lizenzauflagen der DFL erfüllen. Der 79-jährige Milliardär kauft immer mehr Aktien und hat dadurch immer mehr Einfluss. Ein großer Teil seiner Millionen wurde auf der Suche nach Verantwortlichen für den Misserfolg in Abfindungen an Trainer und Sportdirektoren investiert.

Das ist die Lage, die Bruchhagen bei seinem Dienstantritt im Dezember 2016 vorgefunden hat. Heute, sechs Monate später, spielt der HSV erneut gegen den Abstieg. Am Samstag, beim entscheidenden Heimspiel gegen Wolfsburg, wird der 68-Jährige auf der Tribüne sitzen, er wird es kaum aushalten, so viel hängt von diesem Spiel ab: Gewinnt seine Mannschaft nicht, muss sie wieder in die Relegation. Gewinnt sie da auch nicht, stürzt der HSV in die zweite Liga ab. Es wäre ein Desaster – sportlich und finanziell. Bruchhagen könnte der erste Vorstandsvorsitzende des HSV werden, der einen Abstieg verantworten muss.

Warum bloß, fragt man sich, tut er sich das noch mal an? Kann dieser Mann wie so viele im Showgeschäft nicht loslassen? Im vergangenen Jahr rettete er Eintracht Frankfurt ganz knapp vor dem Abstieg und bekam dafür viel Applaus. Reichte ihm diese Anerkennung nicht aus?

Heribert Bruchhagen sei ein "erfahrener Mann", heißt es über ihn. Der Heribert, der kann das packen, der hat schon so viel erlebt, sagen seine Mitarbeiter beim HSV. Wenn man Bruchhagen trifft, gewinnt man den Eindruck, es stimmt, Ruhe strahlt er aus. Ein Donnerstagvormittag vor wenigen Wochen, Ort der Begegnung ist ein Besprechungsraum des Vereinsvorstands im Volksparkstadion. Der Chef trägt hellblaues Hemd zu dunkelblauem Sakko, Hamburger Kaufmannskleidung. Er spricht schnell und trotzdem unaufgeregt. Nur das Spiel seiner Finger zeigt, wie dramatisch die Lage ist, wie sehr der Druck auf ihm lastet. Sie streifen über den Tisch, wenn er redet, erst tanzen, dann klopfen sie, tack, tack, tack.

Warum kommt der HSV nie ohne ein solches Drama am Ende der Saison aus? Verfügt er doch über einen höheren Etat als die Hälfte der Liga, ein stets gefülltes Stadion und eine Tradition, um die ihn viele Konkurrenten beneiden. Eine Frage für jemanden, der sich mit Extremsituationen auskennt. Michael Schulte-Markwort ist ein Hamburger Psychiater, einer der renommiertesten des Landes. Er beschäftigt sich mit Kindern und, weil deren Leid immer mit dem Umfeld zusammenhängt, auch mit ihren Familien. "Es gibt Familien", sagt Schulte-Markwort, "in denen die Atmosphäre so angespannt ist, dass sie jeden hemmt, der neu dazukommt. So eine Atmosphäre scheint auch beim HSV zu herrschen."

Und nicht nur das: Ein Verein sei im Grunde gar keine Familie, dafür gebe es zu wenig Zuneigung, zu wenig Liebe. Der HSV sei ein Clan, sagt Schulte-Markwort, in dem es vor allem ums Geschäft gehe. Das führt dazu, dass fast jeder in diesem Beziehungsgeflecht erst einmal an sich denkt, an sein eigenes Wohl, an seine Karriere. Es gibt Fraktionen und Günstlinge, es gibt einige, die ihr eigenes kleines Business vorantreiben, immer in der Hoffnung, berühmt zu werden – und reich.

Viel zu häufig wurden in den vergangenen Jahren Menschen von außen geholt, die als Retter angekündigt wurden. Viel zu häufig scheiterten sie an den Erwartungen. Das Scheitern erzeugte Verunsicherung. Es mangelt nicht nur an Vertrauen, sondern an gewachsener Rollenverteilung, an Hierarchie.