Als Stefan Ermisch vor einigen Monaten nach China reiste, hatte der Chef der HSH Nordbank viele schöne Worte über sein Geldinstitut im Gepäck. "Das Interesse war groß", sagte Ermisch, zurück in Hamburg. Chinesische Investoren hätten eine langfristige Perspektive und schauten weniger aufs Klein-Klein.

Seit vergangener Woche ist klar: Selbst ein großzügiger Investor mit langem Atem hat kein Interesse an der maroden Landesbank. Bislang ruhte große Hoffnung auf dem chinesischen Mischkonzern HNA, der sich zuletzt an der Deutschen Bank beteiligt hatte und sogar den Pleite-Flughafen Frankfurt-Hahn kauft. Doch HNA winkte ab. Ein möglicher zweiter Interessent aus China, der Versicherungskonzern Anbang, soll selbst in Schwierigkeiten stecken. Und jetzt? Wer löst das größte Problem der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein?

Noch bis zum 28. Februar 2018 um 23.59 Uhr haben die Eigentümerländer Zeit, ihre Bank zu verkaufen. Bis heute hat die marode HSH Nordbank die Steuerzahler mehr als 16 Milliarden gekostet, so viel wie 20 Elbphilharmonien. Jeder einzelne Hamburger, egal ob Säugling oder Greis, hat seit der Gründung der HSH mehr als 4.700 Euro in das Unternehmen gesteckt. Eine vierköpfige Familie hätte sich davon einen neuen Kleinwagen oder eine Weltreise leisten können. Und noch immer lagern Milliarden an faulen Krediten in der Bank.

Es sind unfassbare Summen. Unfassbar ist aber auch, wie es so weit kommen konnte. War das alles wirklich nicht zu vermeiden?

Wer dieser Frage nachgeht, findet keinen Schuldigen, aber viele, die Schuld von sich weisen. Er findet ein Netzwerk der Verantwortungslosigkeit, in dem sich Politiker, Unternehmer und Banker immer auf die jeweils anderen verließen – jeder in dem Glauben, die wüssten schon, was sie tun.

Und es ging ja gut, zumindest am Anfang: Nachdem Hamburg und Schleswig-Holstein ihre Landesbanken 2003 zur HSH Nordbank verschmolzen hatten, lieferte das neue Kreditinstitut zuverlässig viele Millionen Euro an die Länder ab, in Hamburg hatte man die Einnahmen auf Jahre hinaus eingeplant. Die Banker schlugen vor, die HSH solle an die Börse und deswegen schnell wachsen. Die Politiker von CDU und SPD im Aufsichtsrat nickten die Idee ab. Und die Reeder freuten sich darüber, dass sie den größten Schiffsfinanzierer der Welt vor der Haustür hatten – der mit Geld um sich warf.

Eine aus heutiger Sicht recht naheliegende Frage galt damals wohl als engstirnig: Was, wenn die Welt all die Schiffe, die wir in China und Korea bestellen (Reeder), die wir finanzieren (Bank) und für die wir am Ende haften (Politik), gar nicht braucht?

An der Antwort konnte ja auch keiner der Beteiligten wirklich interessiert sein.

Die Reedereien nicht, weil sie zu günstigsten Konditionen Schiffe kaufen konnten, teilweise ohne selbst Geld in die Hand zu nehmen. Die HSH habe ihnen Angebote unterbreitet, die man nicht habe ablehnen können, berichten Reeder heute. Die Vertriebsleute der Bank hätten ihnen wie Versicherungsvertreter die Verträge aufgedrängt.

Die Bank wiederum hielt Schiffe für ein renditeträchtiges und absolut sicheres Geschäft. Ein Containerfrachter kann 25 bis 30 Jahre auf den Weltmeeren fahren, seine Kredite laufen in der Regel zehn bis zwölf Jahre. Normalerweise verdient der Reeder mehr, als ein Kredit kostet. Gibt es eine Krise, dann streckt man den Kredit ein paar Jahre, danach läuft es wieder. Historisch gesehen, argumentierte die Bank, seien Schiffskredite fast immer zurückgezahlt worden.

Und die Länder schließlich freuten sich nicht nur über die anfänglichen Dividenden und die global 5.000 Arbeitsplätze der HSH, sondern waren vor allem in ihrem hanseatischen Selbstverständnis geschmeichelt. Hamburg, das Herz der weltweiten Schifffahrt! Bis heute gibt es in keiner deutschen Stadt so viele Reedereien wie hier, an ihnen hängen Schiffsmakler, Anwälte, Berater, Versicherer. Viele mit guten Kontakten in die Politik. In kollektiver Champagnerlaune taumelte Norddeutschlands maritime Elite ins Jahr 2008.

Dann kam die Finanzkrise.

Wie alle Landesbanken machte die HSH damals Milliardenverluste, vor allem durch hochkomplexe Kreditprodukte. Die Länder mussten sie vor der Abwicklung retten. Ungeheuerliche 13 Milliarden Euro hätte das Institut damals eigentlich gebraucht, Hamburg und Schleswig-Holstein gaben insgesamt drei Milliarden, haushaltsschonend nannte man das. Um die Bankenaufsicht und die Rating-Agenturen zu beruhigen, übernahmen die Länder außerdem eine Garantie für Verluste bis zu zehn Milliarden Euro, quasi als Versicherung. Falls es schlechter laufen sollte, wären die Länder wieder dran. Das war allen klar.

Theoretisch jedenfalls.