Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Der türkische Staatspräsident Inönü traf 1943 US-Präsident Roosevelt und den britischen Premier Churchill in Kairo. Die Türkei war nicht bereit, an der Seite der Alliierten in den Krieg einzutreten, gestattete ihnen aber, auf ihrem Territorium einen Stützpunkt für Lufteinsätze einzurichten. Der einst gegen die Nazis geplante, aber erst in den 1950er Jahren fertiggestellte Stützpunkt Incirlik führt heute zwischen Deutschland und der Türkei zur Krise.

Unter dem Dach der internationalen Antiterrorkoalition gegen den IS sind 250 deutsche Soldaten sowie sechs Tornado-Aufklärungsflugzeuge und ein Tankflugzeug in Incirlik stationiert. Die Krise nun begann im Juni 2016 mit der Bundestagsresolution zum Genozid an den Armeniern. Während Deutschland Incirlik militärisch ausbauen wollte, verweigerte Ankara als Reaktion auf die Resolution zuerst deutschen Journalisten, anschließend dem Staatssekretär im Verteidigungsministerium und zuletzt Mitgliedern des Verteidigungsausschusses die Erlaubnis zum Besuch in Incirlik. Daraufhin drohte Berlin die Tornados abzuziehen. Irgendwann lenkte die türkische Regierung ein, im Oktober durften deutsche Abgeordnete Incirlik besuchen, und die Stationierung der Soldaten wurde bis Ende 2017 verlängert. Ein Zusatzprotokoll sah allerdings auch die Suche nach Alternativstandorten vor – nur deshalb hatte die SPD, die einen Einsatz deutscher Jets gegen Kurden fürchtete, der Verlängerung zugestimmt.

Das Ende der Stationierung rückte näher, der Verteidigungsausschuss stellte erneut einen Besuchsantrag. Aufgrund der Beziehungskrise "prüfte" Ankara den Antrag, schob ihn also aufs Wartegleis. Gegenstand der Krise waren jetzt 400 Offiziere, Diplomaten und Justizangehörige, die nach dem Putschversuch Asyl in Deutschland suchten. Erdoğan behauptet, es handele sich um Gülenisten, die den Putsch gegen ihn inszeniert hätten, Deutschland hält dagegen, es gebe keinerlei Belege dafür.

Letzte Woche gab es regen Telefonverkehr zwischen Erdoğans Palast und Merkels Büro. Berlin machte klar, dass es ohne juristische Beweise niemanden ausliefern würde, zumal da bald die Todesstrafe drohen könnte. Ankara wiederum bezichtigte Deutschland, Putschisten aufzunehmen. Die Verhandlungen blieben ergebnislos – und die Türkei lehnte den Besuch der Parlamentarier ab. Deutschland konterte: "Dann gehen wir nach Jordanien."

Diese Eskalation passt Merkel gar nicht, die die europäischen Staatschefs zur Ruhe mahnte, als sie forderten, die Türkei aus der EU herauszuhalten. Doch vor den Wahlen kann sie es sich nicht erlauben, dass "deutsche Soldaten in Erdoğans Machtspiel zu Geiseln werden". Sollte es Sigmar Gabriel und den anderen Nato-Außenministern in Washington nicht gelingen, den Widerstand Ankaras zu brechen, werden die deutschen Soldaten in Incirlik wohl den Umzug vorbereiten.

Von Jan Böhmermann bis Deniz Yücel, vom Armenier-Genozid bis Incirlik, von DITIB bis zu türkischen Geheimdienstaktivitäten in Deutschland, vom Flüchtlingsdeal bis zu politischen Asylsuchenden, von Wahlkampfauftritten türkischer Minister bis zu Nazivergleichen: Die Türkei ist seit einem Jahr das reinste Problemknäuel.

Das Foto, das Erdoğan letzte Woche vor dem Washington-Besuch in Peking mit dem russischen und dem chinesischen Staatschef machen ließ, präsentierten die regierungsnahen Medien als "Pose der neuen Welt". Ankara sucht neue Alternativen im Osten, je weiter es sich von Europa entfernt. Das ist ein gefährliches Spiel voller Erpressungen und Bluffs.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe