Über die Zukunft des Irans wird auch auf dem Campus entschieden. Wie Studierende für eine Öffnung ihres Landes streiten

Als sie von der Religionspolizistin festgehalten wird, trägt Fateme Mohammadi Leggins, Pullover, eine nachtblaue Weste, die bis zu den Knien reicht, und ein locker gebundenes Kopftuch. Die Polizistin, eingehüllt in einen schwarzen Tschador, packt sie am Arm. Fateme soll ein Formular unterschreiben und sich damit verpflichten, andere Kleidung zu tragen. Fateme, 22 Jahre alt, studiert Architektur. Gerade kommt sie von einem Philosophie-Lesekreis und will zurück in ihr Wohnheim auf dem Campus der Universität Teheran. Sie argumentiert, gestikuliert, fängt an zu schreien. Passanten werden neugierig, "Lasst das arme Kind doch in Ruhe!", ruft einer. Die Modepolizei lässt locker.

Ihre Freunde lachen, als Fateme davon erzählt. Wie Fateme wollen auch sie in diesem Artikel nicht ihren richtigen Namen lesen. Es ist acht Uhr abends, sie feiern Geburtstag in einem jener Cafés, die wie Kneipen wirken, nur dass kein Alkohol serviert wird. Zwölf junge Frauen und Männer sitzen beisammen, sie studieren Philosophie, Ingenieurwissenschaften, Literatur oder eben Architektur. Die Kellnerin ist gepierct, es gibt Tee und Bananentorte, dazu Politik.

"Früher wärst du denen nicht so leicht entkommen", sagt das Geburtstagskind Maryam. Sie wird heute 28 und erinnert sich gut an strengere Dresscodes unter dem früheren erzkonservativen Präsidenten Ahmadinedschad. Fateme wäre damals vermutlich aufs Polizeirevier gekommen und dort so lange geblieben, bis ihre Eltern sie gegen eine Kaution rausgeholt hätten.

Die Grüne Revolution wurde 2009 blutig niedergeschlagen. Jetzt keimt Hoffnung

Die Zeiten sind besser geworden, aber sind sie auch gut? Fateme schiebt das Kopftuch hinter beide Ohren, sodass man ihre Schneeflocken-Ohrringe sieht. "Wir wollen unser Leben selbst bestimmen. Dafür müssen wir noch immer kämpfen."

Als vor gut anderthalb Jahren eine Einigung in den Atomverhandlungen gelang und die Wirtschaftssanktionen gelockert wurden, öffnete sich Iran der Welt, ein Stückchen jedenfalls. Hoffnung breitete sich aus, auf mehr kulturelle Freiheit und wirtschaftlichen Aufschwung. Die Iraner wählen am heutigen Freitag ihren Präsidenten. Geht es weiter mit Hassan Rohani, der für eine Politik der Öffnung steht; oder gewinnen die Hardliner, die das Rad wieder zurückdrehen wollen? Studenten werden bei der Wahl ein große Rolle spielen.

Fateme war noch nicht an der Uni, als das Regime im Juni 2009 die Grüne Revolution blutig niederschlug. Hunderttausende Oppositionelle hatten dem damaligen Präsidenten Ahmadinedschad Wahlbetrug vorgeworfen und forderten seinen Abgang. Dutzende starben. Die Universitäten des Landes gehörten zu den treibenden Kräften des Widerstands; Hunderte kritische Dozenten und Studierende wurden inhaftiert.

Unter Präsident Rohani, der die Wahl 2013 gewann, hat sich das akademische Leben im Iran gewandelt. Viele Inhaftierte durften an die Universität zurückkehren. Männer und Frauen sitzen in den Seminarräumen meist wieder nebeneinander. Das habe die Atmosphäre an den Unis verändert, erzählt Fateme. Doch der Wandel geht ihr nicht tief genug. "Wir wissen, dass der Präsident nicht allmächtig ist." Der oberste Religionsführer Khamenei verhindere vieles; das religiöse System setze Schranken.

Trotzdem konnte sich eine akademische Parallelkultur entwickeln. Ingenieurstudentinnen und Philosophie-Doktoranden treffen sich in Privatwohnungen, sie lesen Nietzsche und Marx. "Und die Modepolizei ist zwar nicht vom Campus verschwunden", sagt Fateme, "aber man kann ihr jetzt zumindest leichter entkommen."

4,4 Millionen Studierende gibt es im Iran; der Großteil ist an einer der 76 staatlichen Unis eingeschrieben. Jedes Jahr im Sommer kämpfen etwa 700.000 Abiturienten und Bachelor-Absolventen im gefürchteten Einstufungsexamen konkur um die besten Plätze. Viele nehmen sich nach der Schule ein Jahr frei, um dafür zu lernen. Wer es an eine der staatlichen Unis schafft, studiert kostenlos und lebt für umgerechnet unter zehn Euro im Monat im Wohnheim. Fateme hat es an die beste Institution des Irans geschafft: die Uni Teheran. Über 50.000 Studierende sind hier immatrikuliert, am Eingang des umzäunten Campus kontrollieren Wachmänner ihre Ausweise.

Von hier aus beeinflussten Studierende immer wieder die Geschicke des Landes. 1979 halfen studentische Gruppen, den Schah zu stürzen und die Islamische Republik Iran zu errichten. 30 Jahre später war die Teheraner Uni eine treibende Kraft der Grünen Revolution. Und auch jetzt sind viele Studenten wieder politisch aktiv. An einem Nachmittag im April treffen sich Fateme und ihre Freunde in einem selbst organisierten Lesekreis. Es geht um "religiösen Intellektualismus". Die Bücher des Exil-Philosophen Abdolkarim Soroush liegen aufgeklappt vor ihnen. An den Wänden hängen statt der vorgeschriebenen Porträts der Religionsführer mehrere Fotos inhaftierter Studenten.