Die eigene Familiengeschichte als Filmthema, das ist eine zweischneidige Sache. Der Regisseur verwendet Menschen und Ereignisse, die er sehr genau kennt (ohne behaupten zu müssen, alle zu verstehen). Er gestaltet etwas, das er in aller Regel zugleich liebt und hasst, und da viele Familien um Geheimnisse und Brüche herum organisiert sind, ist innere Spannung schon mal garantiert. Nicht zufällig haben autobiografische Familienfilme den Ruch, therapeutisch und privatistisch zu sein. Maskierungen und Projektionen tun sich da leichter; nur als Buddenbrooks konnte Thomas Mann die Geschichte seiner Familie einigermaßen ungefährdet schreiben, und nur als Thriller getarnt konnte Alfred Hitchcock (sich) seinen gebrochenen Familienroman erzählen. Wer ganz direkt von seiner eigenen Familie erzählt, muss im Besonderen das Exemplarische erkennen, in der eigenen Familie die ganze Gesellschaft oder wenigstens einen nicht unbedeutenden Impuls in ihr.

Was dies anbelangt, hat der amerikanische Filmemacher Mike Mills ein Exemplar von Familie aufzuweisen, in der es offensichtlich individuell höchst dramatisch zuging und in der die Kämpfe um sexuelle Identität, persönliche Autonomie, ästhetische Vorlieben und all das, was dem westlichen Mittelstand seit den sechziger Jahren durch Leben und Bewusstsein wehte, zugleich ziemlich modellhaft dargestellt werden können. Es geht also bei ihm um das Wesentliche der realistischen Kunst, nämlich um den Zusammenhang des Einzelnen und des Gesellschaftlichen im Leben von Menschen, denen das "Normale" immer geisterhafter erscheinen muss.

Mike Mills kommt aus der Popmusikkultur; er hat Videos für Yoko Ono, die Beastie Boys oder Sonic Youth gedreht, allesamt Grenzgänger zwischen Pop und Kunst. Als Filmemacher scheint er sich einer Art work in progress verschrieben zu haben, der Chronik der liberalen Mittelstandsfamilien und deren Kunst, ihren psychosozialen Umbau zu überleben. In Thumbsucker (nach dem Roman von Walter Kirn) erscheinen die Eltern aus der Sicht des 17-jährigen Helden, dem man das Daumenlutschen nicht abgewöhnen kann, noch als kommunikationsgestörte, unerwachsene Alltagsmonster. Aber hier schon zeigt Mills, wie ernst er es meint, und dass er sich nicht in Woody-Allenschen Versöhnungssarkasmus flüchten wird. Sein nächster großer Film, Beginners, ist dem Vater gewidmet, der sich nach dem Tod der Mutter zu seiner Homosexualität bekennt. Wie der Daumenlutscher, so ist auch der Protagonist dieser Familien-Dekonstruktion zunächst als recht gestörter Kommunikations- und Beziehungsverweigerer gezeichnet, der auf einer Kostümparty in der Maske von Sigmund Freud erscheint und der sich erst über seine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Vaters und der Mutter zu dem entwickeln mag, was man freudianisch "Person" nennen kann.

Der Mutter und ihrem Lebensumfeld ist nun der dritte Film gewidmet. Der Originaltitel 20th Century Women trifft genauer, worum es zu tun ist, als der deutsche Verleihtitel Jahrhundertfrauen, denn nicht um irgendwelche Superlative geht es, sondern um die weiblichen Bewohner eines vergangenen Jahrhunderts, dass sich schon wenige Jahre nach seinem Ende um so viel fremdartiger ausnimmt, je nostalgischer oder kritischer man es ansieht.

Annette Bening spielt Dorothea Fields, geboren 1924, die alles an Chancen und Herausforderungen annimmt, was das zwanzigste Jahrhundert einer Frau mit Talent und Tatkraft bietet, und dabei die unumgänglichen Blessuren davonträgt. Wie fast alle Figuren bei Mills ist auch Dorothea bei dem Versuch, persönliches Glück und das Konzept der Moderne zusammenzubringen, ein wenig "schwierig" geworden, vor allem für ihren 15-jährigen Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann), der ihre Nähe sucht und immer wieder auch von ihr zurückgewiesen wird. Dorothea vererbt ihm gewissermaßen die Krankheit des Jahrhunderts, ihr Blick spaltet sich, sie sieht einmal das Kind und einmal das Rohmaterial für den "modernen Mann", und dessen Gestaltung wird nicht leichter, wenn die Männer sich so fundamental ihrer Aufgabe entziehen wie der Vater, der die Familie verlassen hat, oder der Posthippie William, der scheinbar nicht mehr im Kopf hat als Hammer, Holz und Handwerk.

Kino - "20th Century Women" (Trailer) © Foto: Splendid Film GmbH

Dorothea jedenfalls bittet die Nachbarinnen, Abbie, die sich von einer Krebserkrankung erholt, und ihre Tochter Julie, die Jamie sich so sehr als Geliebte und nicht als "Freundin" wünscht, ihr bei der Erziehung des Sohnes zu helfen. Das gibt ein wirklich schönes Durcheinander, die Sehnsucht nach alten Familienbildern und die Forderungen einer feministischen Revolte gehen ebenso durcheinander wie alter Rock und neuer Punk; Solidarität trifft auf Eigensinn und Sex auf Kontrolle. Man könnte sagen, das alles bringt einen störrisch-sensiblen Jungen wie Jamie ziemlich durcheinander. Ebenso könnte man sagen, dass nur ein störrisch-sensibler Junge wie Jamie in der Lage ist, die widersprüchlichen Impulse aus dem weiblichen Teil des 20. Jahrhunderts zu verarbeiten. Mills gibt allen Beteiligten Stimme und Gewicht, die Rolle des Hintergrunderzählers wird an alle reihum gereicht und macht noch einmal deutlich, wie unterschiedlich Situationen bewertet werden können. Jamie beziehungsweise der autobiografische Teil der Erzählung bietet nur eine Facette und tritt, was man womöglich als den Feminismus dieses Films begreifen kann, seine Zentrumsperspektive ab. Und zwischenrein gibt es immer wieder Einstellungen von so vollendeter Harmonie und Schönheit, dass einem das Herz wieder aufgeht, das sich gerade noch verkrampfen wollte.

Vielleicht kann man froh sein, dass dieses Jahrhundert der Konfusion zu Ende ist; das 21. Jahrhundert gehört den kapitalistischen Realisten, denen im Konflikt zwischen Charakter und Gesellschaft auf so drastische Weise die Ökonomie dazwischengefahren ist. Aber gerade in den großen und liebevollen Bildern, die die Etappen einer dann doch irgendwie geglückten Chaos-Erziehung des Gefühls verbinden, zeigt Mills auch, was mit dem 20. Jahrhundert verloren ging. Es war vielleicht wirklich das Jahrhundert der Frauen, wenigstens in Kalifornien, am Strand und unter der Sonne, wenigstens in Bildern, Worten, Gefühlen.

Wie schon Beginners , so ist auch 20th Century Women ein großer Schauspielerfilm, nur dass es hier etwas weniger um eine Zweierbeziehung geht (in der seinerzeit Christopher Plummer und Ewan McGregor brillierten), sondern um ein traumhaftes Ensemble-Spiel um Annette Bening, Greta Gerwig und Elle Fanning, die die drei Frauen-Generationen des 20. Jahrhunderts darstellen. Aufbruch, Schmerz und Abklärung. So genau kann man wahrscheinlich nicht spielen, ohne dabei persönliche Erfahrungen, Erinnerungen, Familienerbschaften zu verwenden. Mike Mills, der cineastische Designkünstler, zeichnet das Portrait seiner Mutter mithilfe dreier Schauspielerinnen, die jeweils ihre eigene Mütter-Generation verkörpern. Mehr an Menschennähe und sozialer Genauigkeit ist nicht zu bekommen.