Als das 21. Jahrhundert noch jung war und das Video-Blog in der klassischen Musik pure Avantgarde, hatte das Magazin der Süddeutschen Zeitung die Idee, Joachim Kaiser in seinem Schwabinger Bungalow vor eine Kamera zu setzen. Ausgerechnet ihn. Den Kaiser. Den selbst ernannten letzten Mohikaner (so der Titel seiner Biografie, mit dem er natürlich provozieren wollte). Da saß er also vor heimischen Regalmetern voller Langspielplatten und Partituren an seiner Brille kauend im Schaukelstuhl – und dozierte: über die "verfängliche" Frage, ob Anna Netrebko wirklich singen könne oder nur gut aussehe (von beidem etwas), ob zu viel Wagner-Genuss rechtsradikal mache (natürlich nicht) und inwieweit Klassik besser sei als Pop (nun ja).

Für die Themen konnte Kaiser nichts, sie kamen von den Lesern des Magazins, und so wie er mit seinen Vorträgen über Beethovens Klaviersonaten oder Mozarts Opern die Sparkassenhallen und Volkshochschulen füllte, so kannte er auch hier keine Berührungsängste. Im Gegenteil: Je einfältiger die Frage, desto unbändiger die Kaisersche Lust, ihr mit Bildungstiefe und Verständlichkeit zu begegnen.

Ein Widerspruch war das bei ihm nie. Weil er seine Leser so ernst nahm wie die Künstler, über die er schrieb – gern schmachtend, gelegentlich belehrend –, hat man ihn einen "Liebenden der Musik" genannt. Und ihm (fast) alle kritikertypischen Eitelkeiten nachgesehen: das leichtfertige Ich-Sagen, die überlebensgroßen Namen, die, tot oder lebendig, seinen Kosmos bevölkerten. Wobei die Rede vom Liebenden einschloss, dass Kollegen, jüngere zumal, die kühleren Kopfes zu Werke gingen, analytischer, journalistischer, es an ebendieser Liebe fehlen ließen. Joachim Kaiser verkörperte ein Pathos, nach dem sich die Welt auch dann noch sehnte, als aus der klassischen Musik längst ein Markt geworden war und ihre Virtuosen in Sportstadien auftraten.

Die roten Bäckchen jedenfalls, die in Kaisers Klassik-Kunde (so hieß das SZ-Magazin-Blog) bisweilen aufblitzten, rührten weniger vom Lampenfieber als von Joachim Kaisers Leidenschaft für die Gegenstände, denen er sich widmete. Er war von einem fulminanten Mitteilungsdrang beseelt. Kam es vor, dass er ein Konzert besuchte, ohne darüber schreiben zu müssen, schilderte er der Klofrau seine Eindrücke, buchstäblich. Und druckreif, versteht sich, denn Kaiser diktierte seine Artikel. Dann flanierte er in seinem Büro im alten SZ- Gebäude in der Sendlinger Straße auf und ab, im Mundwinkel den Bügel einer seiner windschutzscheibengroßen Brillen oder einen zerkauten Bleistift. Das Spieglein an der Wand spendete ihm dabei Selbstvergewisserung und Applaus, für den prosaischen Rest sorgte Inge Kühl (auf gut Ostpreußisch "Kühlchen" genannt), seine Sekretärin. Wie die Blog-Macher es später geschafft haben, Kaiser in ihren Videos mit offenen Augen reden zu lassen, bleibt ihr Geheimnis. Sprach er mit anderen Menschen, schloss er meist die Lider, als wolle er beim Formulieren nicht gestört werden. Dünkel? Geltungssucht? Aber ja!

Kaiser hatte die Öffentlichkeit als "eine Art Wunderkind" betreten, wie er selber sagte. Er wurde 1928 als Sohn eines Arztes im ostpreußischen Milken geboren, legte nach der Flucht sein Abitur in Hamburg ab, studierte in Göttingen, Frankfurt und Tübingen, auch bei Adorno, machte als Literaturkritiker von sich reden und wurde schon als junger Mann zu den Tagungen der Gruppe 47 eingeladen. 1959, nach einem Intermezzo beim Hessischen Rundfunk, trat er ins Feuilleton der Süddeutschen Zeitung ein, das er in diversen Positionen (zuletzt als leitender Redakteur) zu einer Bastion der Kulturszene machte.

Aber er hatte auch blinde Flecken. Neue und Alte Musik interessierten ihn ebenso wenig wie alles Französische (mit Ausnahme von Chopin, aber der war Pole), den Dirigenten Sergiu Celibidache konnte er nicht ausstehen, und was die Entwicklung der Regie betraf, in der Oper wie im Schauspiel, streckte er früh die Waffen. Christoph Schlingensief fand er zwar "sympathisch", dessen Bayreuther Parsifal- Inszenierung aber tat er sich 2004 nicht an – aus Angst vor "visuellen Seltsamkeiten". Dagegen standen, wie in Erz gehauen, Beethoven, Goethe, Shakespeare, Wagner, aber auch Furtwängler und die "ewig junge" Käthe Gold. Überhaupt, all die Wichtigen und Berühmten! Bloch und Böll schrieben ihm Briefe, Loriot zeichnete für ihn, und Leo Kirch ließ es sich eine Flasche Dom Pérignon kosten, in der zweiten Hälfte eines Konzerts neben dem Meister sitzen zu dürfen.