Essstörungen von Teenagern sind ein komplexes Thema, jeder Fall hat seine eigene Geschichte. Es gibt Mädchen, die sehr dünn sind, ohne an einer Essstörung zu leiden, und umgekehrt können Teenager ganz durchschnittlich aussehen und trotzdem große Probleme mit ihrem Selbstbild haben.

Hinzu kommt, dass die Frage nach den Ursachen schon deshalb schwer zu beantworten ist, weil sich die Faktoren kaum isolieren lassen. Junge Menschen wachsen in einer Medienwelt auf, und da lässt sich etwa der Einfluss der Werbung nicht einfach ausschalten. Man müsste junge Mädchen schon auf einer einsamen Südseeinsel aufziehen und von den modernen Medien fernhalten, um einen wirklichen Vergleich machen zu können.

Moment mal, dachte sich wohl Mitte der neunziger Jahre die Public-Health-Forscherin Anne Becker von der amerikanischen Harvard-Universität – ich kann zwar keine westlichen Teenager in die Südsee zwangsumsiedeln, aber ich kann dort die einheimischen Mädchen untersuchen. Es traf sich, dass in der Provinz Nadroga auf der Hauptinsel des Fidschi-Archipels gerade das Fernsehen eingeführt wurde. Die Forscherin untersuchte Teenager im Jahr 1995, einen Monat nach Beginn der Ausstrahlungen, und drei Jahre später.

Das Ergebnis war eindeutig. In Fidschi herrscht traditionell ein üppiges Schönheitsideal; es war bis dahin nur ein einziger Fall von Anorexia nervosa verzeichnet worden. Drei Jahre nachdem das Fernsehen mit seinen schlanken, am Westen orientierten Darstellerinnen in das Leben der jungen Mädchen getreten war, hatte ein Drittel der Teenager sehr hohe Werte bei einem Essstörungs-Test. Ihr Anteil war in Haushalten mit Fernseher dreimal so hoch wie in Haushalten ohne. Und 11 Prozent gaben an, sich zu erbrechen, um ihr Gewicht zu kontrollieren – in der ersten Stichprobe hatte es keinen einzigen Fall gegeben.

Diese Studie wird als harter Beleg dafür angesehen, dass die Medien zu Essstörungen beitragen können. Kein Werber und kein Fernsehredakteur kann das ignorieren.

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