Sebastian Kurz, nach der Macht greifender Politstar in Österreich, ist 30 Jahre alt, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 39, und dann ließe sich noch an Spaniens Oppositionskönig Pablo Iglesias denken, der 38 Jahre zählt, an Alexis Tsipras, der mit 40 Jahren Ministerpräsident Griechenlands wurde, wohl auch an den jung wirkenden Kanadier Justin Trudeau, Premierminister mit 43 – und was haben wir jetzt, etwa einen Trend? Das nun nicht gleich, abgesehen vielleicht von dem Umstand, dass es sich ausschließlich um Männer handelt, aber das ist ja kein Trend, sondern heißt Patriarchat. Doch ein Phänomen ist der junge Politiker, der an die Spitze stürmt, allemal.

Die Genannten sind keine Kindkönige wie Tutanchamun; zu erinnern wäre eher an machtvollkommene Staatsmänner wie Alexander, der als Twen König wurde, an Augustus, 32, Napoleon Bonaparte, 30, oder, in Zeiten der Demokratie, an den mit 44 Jahren zum Präsidenten gewählten John F. Kennedy.

Der junge Politiker als Typus verkörpert wie kein anderer den Wunsch nach einem Neuanfang, nach Energie und Tatkraft. Oder will ihn verkörpern. Unverbraucht, ohne die Lasten vergangener Kompromisse oder Fehltritte, denn das muss festgehalten werden: Kaum etwas nutzt die Akteure so sehr ab wie die Politik. Sie sehen schnell alt aus.

"Wir sind noch neu. Wir haben keine Schwüre abgelegt, um sie zu brechen; wir haben nicht alle Regimes vergöttert und beweihräuchert; wir sind nicht mit unserer Ehre von Vorzimmer zu Vorzimmer hausieren gegangen, haben unsere politische Überzeugung nicht meistbietend versteigert; vielleicht kommt es gerade uns zu, die Interessen der Gesellschaft zu diskutieren und in die Hand zu nehmen." Der das im Jahr 1832 vor einem Pariser Gericht ausrief, war der 24-jährige Revolutionär Albert Laponneraye, wie ja überhaupt unter Rebellen und Revolutionären die Jungen stets in der Mehrzahl sind.

Die Neuankömmlinge, die weitgehend Unbekannten sind der ungewohntere Politikertypus im Vergleich zum überkommenen Personal. In liberalen Verfassungsstaaten zumindest tendiert die Politik unter Normalbedingungen zum Gewohnten: Der Staat soll Grundrechte garantieren, Institutionen absichern, er ist vorwiegend ein Schutzmechanismus und allein schon deshalb konservativ. Es kommt hinzu, dass Macht und Wissen mit der Zeit akkumuliert werden und es auch deswegen wahrscheinlicher ist, dass die Alten das Feld besetzt halten.

Insofern geht es in der Politik normalerweise anders zu als in der kapitalistischen Ökonomie. Die ist unausgesetzt Wette. Wie jeder gute Spieler versucht zwar auch das Kapital, seine Risiken zu begrenzen, mit Marktforschung und Big Data, Diversifizierung und Versicherung, aber jede Innovation provoziert eben doch das Unvorhergesehene. Die Suchbewegung des Kapitals ist ein pausenloses Ausprobieren neuer Wege, um den Raum zu durchmessen, in dem es verwertet werden kann.

Genau das darf Politik im Normalfall nicht tun oder doch nur in geringem Maß. Denn sie braucht Vertrauen, und das bildet sich nur, wo sie Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit bietet. Und wenn alles zufriedenstellend verläuft, genügt den Eingesessenen die Merkelsche Formel "Sie kennen mich".

Einiges muss geschehen sein, damit ein Volk sich dazu entscheidet, derart unkartiertes Gelände zu betreten

"Hier wohnen Drachen" (oder auch: Löwen), stand vor Jahrhunderten dort zu lesen, wo Globen unerforschte Gebiete vorstellten. Eine Warnung. Und bevor ein Volk sich entscheidet, derart unkartiertes Gelände zu betreten, muss es schon ziemlich den Kaffee auf haben. In Frankreich war es dieses Jahr so weit, die Wähler entschieden sich für einen Präsidenten aus dem politischen Niemandsland.

Nach dem Sprung ins Ungewisse muss freilich die zweite Phase einsetzen, gewissermaßen das Erwachsenwerden. Dass Macron dieser Tage wieder an die gaullistischen, ja royalistischen Traditionen des französischen Staatswesens anknüpft, symbolische Aktionen wie die Fahrt im offenen Jeep auf den Champs-Élysées eingeschlossen, soll den Bürgern signalisieren: Das Neue, das wir sind, bewegt sich im Rahmen des Bewährten. Wir bieten Sicherheit.

Ein kluger Spielzug. Auch diesen Übergang in die Gravitas müssen Jungpolitiker überzeugend vollziehen. Aus eigenem Antrieb – oder gezwungen durch die Umstände.