* 15.3.1922 - † 15.5.2017

"Nicht wir", so ließ sich Martin Heidegger in der Nachkriegszeit gern vernehmen, "nicht wir haben die Sprache, die Sprache hat uns." Der Satz war ein lyrisches Schmuckstück, das Publikum lauschte ergriffen, aus ihm tönte der Sound der deutschen Verdrängung. Für den jungen Karl-Otto Apel war das Denken, das aus diesem Satz sprach, eine philosophische Provokation: Es war zugleich auf empörende Weise falsch – und unbestreitbar wahr. Es stimmt, dass jeder in eine Kommunikationsgemeinschaft hineingeboren wird; die Sprache ist dem Einzelnen immer schon voraus, noch ehe er ein Wort artikuliert. Und doch, so Apel gegen Heidegger: In dem Moment, wo wir sprechen, erheben wir Ansprüche auf Sinn und Wahrheit. "Unhintergehbar" binden wir uns an die Geltungsansprüche unserer Rede, und nur unter Inkaufnahme eines massiven Selbstwiderspruchs können wir dagegen verstoßen. Deshalb sind Menschen nicht bloß Resonanzkörper einer verständlich-unverständlich durch sie hindurchsprechenden Sprache; sie sind kein Flackern im Stromkreislauf historisch zufälliger Diskurse – sie sind vernünftige, auf Wahrheit und Moral orientierte Subjekte. Und diese Vernunft ist keine rätselhafte Entität, die ein Philosoph aus dem metaphysischen Nirgendwo hervorzaubert; sie steckt in der Sprache selbst: in der Fähigkeit, ihre eigenen, universalen Geltungsansprüche kritisch zu transzendieren. Jede reale Gesprächssituation, und mag in ihr noch so verzerrt und strategisch gesprochen werden, setzt immer schon eine "ideale Kommunikationsgemeinschaft" voraus, eine gelungene Intersubjektivität, in der jeder meint, was er sagt.

Transformation der Philosophie hieß die zweibändige, 1973 erschienene und breit diskutierte Aufsatzsammlung, in der Apel in einer Art Westverschiebung die deutsche Sprachphilosophie mit dem angelsächsischen Pragmatismus eines Charles Sanders Peirce aussöhnte. Apels Philosophie war eine Gattungsethik, ihr war der Horror eingeschrieben, "in der heutigen Welt" könnten Einzelne und Kollektive "ihre Selbstverwirklichung ohne Rücksicht auf universal gültige Prinzipien durchsetzen". Den Vorwurf des Idealismus ließ er nicht gelten. Normativität ist der grammatische Funke, den keine Macht der Welt zum Verlöschen bringt. Am Montag ist der zuletzt in Frankfurt am Main lehrende Karl-Otto Apel im Alter von 95 Jahren gestorben.