Er schreibt unerschrocken über sein Privatleben und setzt sein nacktes Ich der lesenden Welt aus – und dennoch ist Karl Ove Knausgård eigentlich ein schüchterner Mensch. Aber er kultiviert seine Schüchternheit nie zur Pose. Wo er mit der Öffentlichkeit in Kontakt treten muss, gibt er sich einen Schubser und zieht es dann vorbildlich durch. Wenn man also eine Munch-Ausstellung kuratiert, dann muss man auch eine Gruppe internationaler Journalisten durch diese Ausstellung führen. Knausgård ist ein hervorragender Museumsführer. Doch kaum hat er seine Pflicht erfüllt, bedankt er sich knapp, dreht sich um und verlässt den Raum. Nicht dass er es darauf angelegt hätte, ganz im Gegenteil, aber sein Abgang hat nun doch etwas Pathetisches. Vielleicht kann es gar nicht anders sein, wenn 30 Journalisten einem berühmten Schriftsteller ehrfurchtsvoll hinterherschauen, wie er allein den Raum verlässt ... Am nächsten Tag treffe ich Knausgård im Museumscafé zum Interview.

DIE ZEIT: Herr Knausgård, Sie sagen, es sei nicht mehr möglich, den Schrei von Munch zu sehen, weil er zur Ikone geworden sei.

Karl Ove Knausgård: Noch bevor wir ihn zum ersten Mal sehen, haben wir ihn immer schon gesehen. Er ist einem in tausend Variationen begegnet, bevor man das echte Bild von Munch je gesehen hat.

ZEIT: Ist diese ikonische Qualität nur ein Effekt unserer Wahrnehmung oder etwas, das Sie am Gemälde selber beschreiben können?

Knausgård: Munch hat das Ikonische bewusst gesucht. Sein erstes ikonisches Porträt war Das kranke Kind von 1885: Das Mädchen im Krankenbett schaut zu einer Frau auf dem Stuhl neben sich, deren Kopf von Gram gebeugt ist. Die ikonische Qualität des Bildes hat nichts mit dem Material zu tun, auf das Munch gemalt hat, er hätte das Motiv ebenso gut in Holz schnitzen können, das wäre dasselbe gewesen. Das Motiv ist so essenziell, dass man es problemlos in andere Medien übertragen kann. Und ich glaube, darum ging es Munch ganz bewusst in dieser Periode seines Schaffens. Er hat ja auch Bilder wieder und wieder gemalt. Monet hat das auch getan, Monet malte dieselben Motive, aber immer wieder anders, da gab es ein Spiel der Zeit. Munch hingegen malte dieselben Gemälde wieder und wieder, er reproduzierte sie. Poul Erik Tøjner, der Direktor des Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, hat in seinem Buch über Munch gesagt, dieser habe seine Bilder im Kopf gehabt wie platonische Ideen. Das heißt, das Bild existiert immer schon, man muss es nur aus dem Ideenhimmel herunterholen. Wenn man es einmal hat, kann man es immer wieder malen.

ZEIT: Warum wirken Munchs Motive so essenziell? Es geht darin immer um einen psychologischen Moment des Seelenlebens.

Knausgård: Es ist alles extrem mit Bedeutung aufgeladen. Aber diese Bedeutung ist eher literarisch, nicht im eigentlichen Sinn malerisch. Eifersucht erzählt eine Geschichte, Melancholie erzählt eine Geschichte, auch Der Schrei ist sehr narrativ. Doch am Ende der 1890er Jahre hat Munch diesen Pfad verlassen. Er malt dann Die Mädchen auf der Brücke, da gibt es keine Geschichte mehr, da stehen einfach nur drei Mädchen auf einer Brücke. Von da an lädt Munch seine Bilder immer weniger mit Bedeutung auf. Die vielen Baum-Bilder zum Beispiel zeigen einfach nur Bäume. Ein Gemälde wie Die Sonne ist zwar auch zur Ikone geworden, aber es kommt völlig ohne Psychologie aus.

ZEIT: Sie haben eine Munch-Ausstellung kuratiert, die statt des ikonischen Munch, den wir alle im Kopf haben, den nicht ikonischen zeigt – und man hat das Gefühl, als würde Sie dabei die Reduzierung von Bedeutung besonders faszinieren.

Knausgård: Eines der leersten Bilder in dieser Ausstellung heißt Das Kohlfeld. Es ist einfach nur ein Kohlfeld, die Farben sind Blau, Grün und ein bisschen Gelb, der Himmel dämmert, und doch spürst du eine ganz starke Präsenz. Was diese Präsenz ausmacht, bleibt ein Geheimnis, aber ich spüre sie. Wenn ich das Bild betrachte, denke ich an den Tod, denke ich an eine Welt, die ohne mich auskommt. Ich spüre Angst, aber ich spüre auch Frieden – ein bisschen wie in Wandrers Nachtlied von Goethe: "Über allen Gipfeln ist Ruh". Diese Atmosphäre beschwört Munch mit wenigen Strichen herauf.

ZEIT: Sie klingen ein bisschen, als wären Sie des ikonischen Munch überdrüssig und würden sich deswegen auf den unikonischen Munch werfen. Aber den gibt es doch nur, weil es den ikonischen Munch gibt.

Knausgård: Das stimmt in gewisser Weise. Ich hatte auch in der Vorbereitungsphase der Ausstellung Angst, dass die Leute sagen könnten: "Die Ausstellung zeigt ja nur schlechte Bilder. Wären sie nicht von Munch, würde das gar nicht gehen." Aber dann geschah doch etwas anderes. Nehmen Sie das späte Gemälde Maler an der Hauswand von 1942, gemalt zwei Jahre vor Munchs Tod. Er war 78 Jahre alt, seit 60 Jahren hatte er ununterbrochen gemalt. Er war also ein sehr erfahrener Maler. Und doch ist es ein fast naives Bild, es zeigt einfach nur einen Maler, der eine Hauswand anstreicht. Der Garten sind einfach nur ein paar grüne und braune Striche. Ich liebe diese Anstrengungslosigkeit, die Einfachheit des Bildes. Natürlich weiß ich, dass es kein bedeutendes Gemälde ist, und es wurde ja auch noch nie gezeigt, aber ich mag die Tatsache, dass Munch es gemalt hat. Und natürlich ist es auch ein ironischer Kommentar zur Malerei als solcher. Zu dieser Zeit bestand Munchs Leben nur noch aus Malen, er malte jeden Tag, es war für ihn etwas Alltägliches, so alltäglich wie das Anstreichen der Hauswand für den Maler auf dem Bild.