Hanna Jacobs, 28, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Alles ist voller Maiglöckchen. Sie stecken am Revers des neuen Anzugs und in den weißen Spitzentaschentüchern, die sorgfältig gefaltet auf den Gesangbüchern mit Goldschnitt liegen. Es ist ein bewegender Moment, wenn Jugendliche vor dem Altar knien, um unter Handauflegung gesegnet zu werden. Als ich ihnen zur Konfirmation ein paar persönliche Zeilen schrieb, da war ich stolz auf diese witzigen, klugen, kritischen und warmherzigen Menschen. Aber es fühlte sich an wie ein Abschiedsbrief. Ich ahne, dass ich sie künftig nur noch hin und wieder im Supermarkt treffen werde.

Eineinhalb Jahre lang waren sie regelmäßig im Gottesdienst, ihre Anwesenheit wurde ihnen auf einer kleinen Karte bestätigt. Ist es uns gelungen, sie in dieser Zeit zu überzeugen? Werden sie übernächste Woche aus freien Stücken wiederkommen, morgens um 10 Uhr? Durch das öffentliche Bekenntnis zum christlichen Glauben sind sie vollwertige Mitglieder ihrer Kirchengemeinde geworden. Es ist genauso ihr Raum. Aber wir laden sie ins Nebenzimmer ein, in die Jugendgruppe und zu den Jugendgottesdiensten, weil wir uns davor hüten, sie gleichberechtigt das Gemeindeleben mitgestalten zu lassen. Sonst könnte es nämlich schnell passieren, dass die Orgel stillgelegt wird und der Gottesdienst nur noch 35 Minuten dauert. Beim Kirchenkaffee gäbe es neben Kaffee und Keksen auch Cola und Chips.

Einzig, dass nach deutschem Recht die Religionsmündigkeit mit 14 Jahren erreicht wird, erscheint mir noch ein schlüssiges Argument für die Konfirmation in ebendiesem Alter. Denn nicht mehr sie bedingt die Teilnahme am Abendmahl, sondern die Taufe. Auch als Initiationsritus an der Schwelle zum Erwachsensein verliert die Konfirmation an Plausibilität, wenn die Konfirmandinnen und Konfirmanden noch mitten in Schulzeit und Pubertät stecken. Ihre Großeltern hingegen haben damals, als das Schuljahr noch zu Ostern endete, oft schon nach acht Jahren die Schule verlassen. Es wurde Konfirmation gefeiert, und schlagartig hielt man sie für erwachsen genug, um den elterlichen Bauernhof zu verlassen und auf einem anderen Hof "in Stellung" zu gehen. Das Schwellenritual soll auch bei sich einebnender Schwelle beibehalten werden und wird darum bis zum Symbol-Overkill aufgeladen: Blumen, Kerzen, Taufwasser, Luftballons. Man ist als Kirche stolz, immerhin lassen sich etwa 90 Prozent der Jugendlichen eines Jahrgangs konfirmieren. Zu welcher Kirche sie sich da nun genau bekennen, das ist zumindest ihren Angehörigen nicht immer ganz klar: Ein katholischer Kollege erzählte mir von einer verwirrt dreinblickenden Familie, die bei ihm in der Erstkommunionfeier saß. Er brachte sie in die benachbarte evangelische Kirche, wo ihr Kind an dem Morgen konfirmiert wurde. Von dort nahm er wiederum zwei katholische Familien mit, die irrtümlicherweise in den Konfirmationsgottesdienst geraten waren. Hauptsache, es gibt hinterher schöne Fotos.

Natürlich kann man schon mit 14 bewusst Ja zur eigenen Taufe sagen. Aber ein Bekenntnis klingt noch schöner und ermutigender, wenn man es aus freien Stücken zur jeweils eigenen Zeit spricht. Für manchen ist die eben erst mit 34 oder 56. Und Segen, den brauchen wir in jedem Alter.