An einem Morgen im August vor fünf Jahren habe ich meinen Rucksack genommen und bin einfach losgelaufen. Einen Tag lang durch die Fränkische Schweiz. Am Abend, als die Sonne unterging, hatte ich 70 Kilometer zurückgelegt und 13 Bergkuppen überschritten. Mir ging es psychisch nicht so gut damals, ich hatte zehn Kilo zugenommen und bin durch mein Studium gedümpelt. Da war das mit dem Laufen wie eine Befreiung. Seit diesem Tag bin ich süchtig danach zu laufen.

Ich weiß noch, dass ich zwischen den Gipfeln, als ich in ein Tal lief, an meine Pubertät gedacht habe. Ich war 13, als ich anfing zu kiffen. Ich habe dann sechs Jahre bis zu 20 Joints am Tag geraucht. Bis mit 19 nichts mehr ging. Damals kam ich aus diesem Tal nur noch mit Hilfe heraus. Aber jetzt war ich allein, und ich lief und lief. Dann kam der letzte Gipfel, der höchste noch dazu: Die Sonne ging gerade unter, und ich wurde so unglaublich dankbar. Zum ersten Mal seit Langem war ich wieder zufrieden mit mir.

Nach dem ersten Lauf habe ich mit dem Rauchen aufgehört und mir Ziele gesetzt: Ich habe mein Studium der sozialen Arbeit fertig gemacht und angefangen, mit jungen Straftätern zu arbeiten. Und ich habe erfahren, dass auch andere so weit laufen und es "Ultramarathon" nennen.

Beim Marathon geht es darum die 42,195 Kilometer möglichst schnell zu laufen. Bei Ultramarathons, die bis zu 100 Kilometer lang sein können, geht es darum, die Strecke zu bewältigen. Man braucht dafür die richtigen Gene und gesunde Knie. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Wettkampf, 2014 in den Schweizer Alpen war das, eine 80 Kilometer lange Strecke. Nach 30 Kilometern war ich völlig fertig, ich wollte nur noch aufhören. Aber dann, ab Kilometer 42, habe ich nichts mehr gespürt.

Wenn ich laufe, trage ich einen vollen Rucksack: Ich brauche bis zu zwölf Liter Flüssigkeit, Müsliriegel, Nüsse und Früchte. Außerdem habe ich ein Erste-Hilfe-Set dabei, eine Rettungsdecke, eine Regenjacke und ein Handy.

Am Ende eines solchen Laufs, nach 80 Kilometern, denke ich eigentlich an gar nichts mehr. Alles, was ich möchte, ist ein alkoholfreies Weißbier. Ich trinke gegen die Schmerzen an. Denn natürlich tut mir, wenn das Adrenalin verschwindet, alles weh. Es dauert Wochen, bis mein Körper regeneriert. Trotzdem kann ich nicht genug kriegen von diesem Gefühl. Im Juli will ich zum ersten Mal die 100 Kilometer im Wettkampf laufen.

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Protokoll: Benedict Wermter