Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Ich bin nicht einfach nur krank. Mein Kranksein hat einen Sinn, den ich mir nicht wegheilen lassen will", erklärt sich eine deutlich jüngere Kollegin am Telefon. – "Aber gesund werden willst du doch?" – "Natürlich will ich das, aber da hängt etwas mehr dran als ein paar gut gemeinte Pillen. Meine Depression ist ein Signal, das ich ernst nehmen will. Und das nicht nur mich betrifft. Das ist keine Funktionsstörung, wie es immer so schön heißt. Ich funktioniere doch, hab viel zu tun, ich laufe rund, immer hübsch im Kreis herum."

– "Langweilst du dich?" – "Ja, ich langweile mich zu Tode. Es macht einfach keinen Spaß mehr, das alles. Es ist alles so bedeutungslos." – "Du bist jung, hast Erfolg, ihr habt das Leben noch vor euch, habt ihr nicht voriges Jahr ein Haus gebaut?" – "Damit hat es auch zu tun, eindeutig. Mit diesem Fertighaus in dieser kleinparzelligen Dorfrandsiedlung, die nur so strotzt von Bedeutungslosigkeit." – "Wie kann etwas von Bedeutungslosigkeit strotzen?" – "Nichts ist irgendwie gemeint. Ein Unort. Es ist alles so funktional. Über jedem Haus der große Satz: Lasst mich bloß in Ruhe. Sie kommen und gehen, sie grillen und chillen, Garage auf, Garage zu. Alles, wie es sich gehört, wie sie es in der Fernsehwerbung gesehen haben. Wir wollen so nicht werden, wir müssen hier raus, aber wir können es uns nicht leisten." – "In den Zwanzigern gab es kluge Siedlungsprojekte, auch auf dem Land, auch für Kleinverdiener. Da war Gemeinschaftsleben von vornherein eingeplant. Da sollte erkennbar sein, dass es etwas bedeutet, hier zu siedeln: an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Zeit mit konkreten Zeitgenossen zusammenzuleben. Siedeln in einem Raum mit Geschichte und Zukunft, das war gemeint. Für die vom Land zugezogenen Fabrikarbeiter wurden am Stadtrand dorfähnliche Siedlungen konzipiert, Häuser, die sich ansehen … Solche Projekte gibt es heute auch."

– "Wir Nachbarn verstecken uns voreinander. In unserem Fall hatte kein kluger Planer seine Hand im Spiel, da hat man den dummen Markt ganz allein walten lassen. Das Resultat: ein paar funktionstüchtige Häuser, die sich zu nahe stehen, aber keine Siedlung." – "Gibt es keine alten Häuser in der Nähe?" – "Die sind oft verwahrlost, stehen leer, ich kenn die Leute vom Dorf nicht. Es gibt keinen Laden, keine Kneipe, nur eine kleine Kirche gibt es beim Friedhof, die ist immer verschlossen." – "Dann kümmere dich doch mal um den Schlüssel. Mach was aus deiner Depression, wenn du sie nicht für eine Privatsache hältst, mach für alle was daraus." – "In dieser gottverlassenen Kirche? Das meinst du nicht ernst." – "Ich wüsste keinen besseren Ort. Jede Kirche strotzt von Bedeutung."