Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Am Wochenende wurde gewählt. Nein, nicht nur in NRW. Vermutlich wissen die wenigsten Delegierten der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes genau, wo NRW liegt. Lutheraner gibt es im bevölkerungsreichsten Bundesland ja auch eher wenige. Weltweit ist das anders. Das größte Bündnis lutherischer Kirchen verbindet 145 Kirchen in 98 Ländern. Im 500. Jahr des Starts in die Reformation traf sich diese lutherische Weltkirchenversammlung in Namibia, der ehemaligen deutschen Kolonie. Von Wittenberg nach Windhuk, das war das Motto.

Der neue Präsident ist Afrikaner: Bischof Musa Panti Filibus. Manche engagierte Lutheranerin verdreht jetzt die Augen. Schon wieder ein Mann. Und manche Katholikin denkt sich: So anders sind sie gar nicht, die Protestanten. In den lutherischen Kirchen des afrikanischen Kontinents gibt es keine Bischöfinnen. Der Neue setzt trotzdem ein starkes Zeichen. Ich will unbedingt mehr von ihm wissen. Denn Filibus kommt aus Nigeria, dem Land, wo Boko Haram, die islamistische Warlord-Miliz, die Christen in Angst und Schrecken versetzt. Kirchen stehen leer, ganze Dörfer sind ausgestorben, weil diese Lutheraner auf der Flucht sind. Den Alltag in vielen Landstrichen Nigerias muss man sich hilfsweise mit Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg vorstellen.

Was bedeutet diesem Lutheraner Luthers Traktat von der "Freiheit eines Christenmenschen"? Wie träumt er sich die Kirche der Zukunft? Und welche Reformation braucht das Luthertum in der Welt heute, wenn man ihn fragt? Wie unterhält sich eine madagassische Lutheranerin mit ihrer isländischen Schwester? Vermutlich nicht auf Latein, sondern in Englisch. Ich werde die fragen, die aus Deutschland dabei waren.

In Windhuk wird deutlich, dass die Reformation ein Weltereignis war. Der Luther, der in Wittenberg startete, ist in Estland, South Carolina, Grönland oder Windhuk ein anderer geworden. Aber die lebendige Beziehung zur lutherischen Theologie ist geblieben. Längst wachsen lutherische Kirchen außerhalb Europas, während wir in Deutschland Gemeindefusionen und Pastorenmangel planen. Westwärts – das könnte in Zukunft auch in die andere Richtung gehen. Von ganz weit weg zurück nach Wittenberg und ins Ursprungsland der Reformation.