Schulz wäre nicht Schulz, wenn er seine Sprache nicht wiederfinden würde. Als am Sonntagabend die ersten Prognosen zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen auf dem Fernsehmonitor auftauchen, steht Schulz neben seinen Parteifreunden im Kölner Rathaus und schweigt. Gerade hat er noch in einem Café gesessen, sich einen doppelten Espresso bestellt und von seinen Geschwistern erzählt, der Doris, der Brigitte, dem Erwin, alle in der SPD. Beiläufig erwähnte er, dass er selbst erst im Jahr 2009 in die Partei eingetreten sei. Oder war es 2008? Ach, unwichtig. "Ein Nesthäkchen bin ich gewesen", sozialdemokratisch gesehen.

Hinter Schulz liegen sechs Wochen harter Arbeit. Er hat an Haustüren geklingelt, Flugblätter auf Marktplätzen verteilt und für die Partei Wahlkampfstände zusammengebaut. "Das war eine aufregende Zeit."

Nach dem Cafébesuch hat Schulz seine blaue Windjacke übergestreift und ist ins Rathaus gegangen. Vor dem Fraktionssaal der SPD hat ihn ein Reporter gefragt: "Wie geht es Ihrem Bruder?"

"Ich weiß nicht", hat Walter Schulz geantwortet, "ich habe mit Martin noch nicht geredet."

Walter Schulz ist 70, neun Jahre älter als Martin, der Kanzlerkandidat. Er ist Rentner und lebt seit einer Ewigkeit in Köln-Nippes. Früher leitete er eine Organisation, die sich um Langzeitarbeitslose kümmert.

Die Prognose aus dem Fernsehstudio ist für Walter Schulz ein Schock. Die SPD stürzt ab, CDU und FDP gewinnen die Wahl. Die rot-grüne Regierung ist Vergangenheit. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft tritt zurück. Ist damit auch der Kanzlerkandidat der SPD erledigt?

Walter Schulz hat Mühe, einen Satz zu finden, der zu dieser Lage passt. "Das", sagt er und bringt danach eine Weile nichts heraus. "Das wird", und wieder fehlen ihm die Worte, "das wird jetzt schwierig."

Walter Schulz ist ein bisschen kleiner, ein bisschen weniger bärtig als Martin, aber auch er hat sich nie mit einem Kapitalismus anfreunden können, der die Schwachen alleinlässt.

Sein Bruder hat ihm erklärt, dass es in einer Demokratie keine Gegner gebe, nur Mitbewerber. Und so läuft Walter Schulz jetzt zum Saal der jubelnden Wahlsieger und gratuliert Leuten der CDU. Bei den Grünen, wo Schulz ebenfalls vorbeischaut, ist es bedrückend still. Im Raum der FDP reicht Walter Schulz einer ausgelassenen Funktionärin die Hand. Sie ruft ihm hinterher: "Euch alles Gute!" Walter Schulz versucht, seine Unbeschwertheit zurückzugewinnen, aber das ist nicht so einfach. Was soll er sagen? "Morgen ist wieder ein ganz normaler Tag."

Nichts war normal, als es noch den Hype um Martin Schulz gab. Als innerhalb weniger Tage Tausende Menschen in die SPD eintraten, bis ihr die Parteibücher ausgingen. Als vom "Heilsbringer" die Rede war, vom "Gottkanzler" und natürlich vom "Schulzzug". Es gab sogar ein Computerspiel mit diesem Namen, in dem man in der Rolle des Zugführers durch die Landschaft fahren und Donald Trump und Wladimir Putin überrollen konnte.

Merkel oder Schulz

Wenn man den Bundeskanzler direkt wählen könnte, für wen würden Sie sich entscheiden?

Quelle: infratest dimap © ZEIT-Grafik

Auch jetzt ist in der SPD nichts mehr normal, seit der Hype abflaute und nach drei verlorenen Landtagswahlen in Bestürzung umschlägt. War Martin Schulz von Beginn an ein großes Missverständnis? Entzündete er bloß ein Strohfeuer? Oder wurde er aus echter Verzweiflung unecht überhöht, sodass er jetzt durch echte Enttäuschung echt tief fällt? Stimmt mit der Partei etwas nicht, die ihn umgibt, oder stimmt mit Schulz etwas nicht?

Am besten, man fragt Martin Schulz selbst, am Tag nach dem SPD-Debakel in Nordrhein-Westfalen.

Als Angela Merkel Kanzlerin werden wollte, hatte sie plötzlich eine neue Frisur. Martin Schulz mangelt es dafür an Haaren. Immerhin trägt er jetzt schönere Krawatten. Heute, am 110. und dunkelsten Tag seiner Kanzlerkandidatur, ist sie blau, der Himmel über seinem Berliner Büro ist es auch. Eben hatte er eine Präsidiums- und eine Vorstandssitzung zu bestehen, keine leichte Aufgabe nach einer solchen Nacht der Niederlage.

Und, wie geht’s?

"Die SPD ist eine Partei mit starken Gefühlen, das kann ganz hoch und auch ganz tief gehen. Heute habe ich gemerkt: Die Leute wollen kämpfen, das spürt man genau."

Und Sie?

"Ich war auf die Niederlage in NRW vorbereitet. Mein wirklicher Mist-Montag war nicht heute, sondern vor einer Woche, nach Schleswig-Holstein."

Und dann?

"Dann habe ich den Schalter umgelegt und mich neu konditioniert: Du hast die Pflicht, es geht nicht um dich, es geht um die SPD, die Menschen, die auf dich vertrauen, habe ich zu mir selbst gesagt. Jetzt bin ich im Kampfmodus."

Konditioniert, Kampfmodus, Pflicht. Was wollen Sie jetzt ändern?