Wahrscheinlich ist die Epoche der Autospitznamen deshalb vorbei, weil die heutigen Modelle in ihrer durchgängigen Stromlinienform zu wenig individuellen Charakter besitzen, um auf die sprachliche Fantasie zu wirken. Das war mal anders. Erinnert sei hier an den "Schneewittchensarg" (Volvo P 1800 ES), die "Knutschkugel" (BMW Isetta), das "Kommissbrot" (Ford Taunus 17 M), den "Hausfrauenporsche" (Karmann Ghia) und natürlich an die "Ente" (Citroën 2CV).

Der Käfer nimmt eine Sonderrolle ein. Dieses kleine, bucklige Auto mit seiner, zumindest im Ursprungsmodell, halbierten Heckscheibe, das während der Adenauer-Zeit mit vielen Westdeutschen über die Alpen holperte, ist mit seinem Spitznamen so identisch, dass man annehmen könnte, das Wolfsburger Unternehmen hätte es selbst so getauft. Mitnichten. Man sah in Wolfsburg dem Siegeszug des Namens mit Unwillen zu und befürchtete, die semantische Verniedlichung könne männliche Kunden abschrecken. Offiziell heißt der Käfer sehr nüchtern Volkswagen Typ 1.

Ihm folgte 1950 der Volkswagen Typ 2, ein sogenannter Kleinlaster. Und dieses Gefährt hat den schönen Spitznamen "Bulli", welcher ebenfalls auf die Ästhetik des Rundlichen schließen lässt. Wie der Käfer die fünfziger Jahre symbolisiert, so der Bulli die siebziger. Er wurde gern für den Landweg von Berlin oder München nach Indien verwendet. Hinterm Steuer die junge Uschi Obermaier. In manchem Bulli riecht es bis heute nach Haschisch, und dass er im Volksmund "Hippie-Auto" genannt wurde, war den Herren in Wolfsburg auch wieder nicht recht. Die weltweit größte Ansammlung von Bullis befindet sich derzeit auf einem Parkplatz in Santa Barbara. Ihre Besitzer, meist uralte Kalifornier, die sich seit der Highschool nicht mehr gekämmt haben, profitieren vom Kultstatus ihres Kleinlasters. Sie lassen ihn von deutschen Touristen fotografieren und erwarten dafür ein paar Dollar oder wenigstens ein Bierchen.

Ein Bulli ist der heimliche Held in Stefanie Greggs Unterhaltungsroman Mein schlimmster schönster Sommer. Die Handlung ist bisschen aus der Retorte: Supereffiziente Unternehmensberaterin hat Krebs. Nun will sie es noch mal kennenlernen, das richtige, freie, sinnliche Leben. Sie schmeißt alles hin, kauft sich einen Bulli, begibt sich auf Fahrt ins Blaue, eine Retrotour in die Siebziger sozusagen, samt Hippierock und bisschen Haschisch.

Nun könnte man darüber nachdenken, warum Aussteigergeschichten so oft von Leuten erzählen, die sich in der Wirtschaft aufreiben. Ärzte, Lehrer oder Politiker haben es auch nicht immer leicht. Aber dem Bulli zuliebe verzeiht man diesem Buch so einiges.

Stefanie Gregg: Mein schlimmster schönster Sommer.
Aufbau Verlag, Berlin 2017; 300 S., 9,99 €