Mitte April erreichte den mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto eine Nachricht der Polizei: Nach langer Fahndung sei es ihr gelungen, Javier Duarte festzunehmen. Fünf Monate war der Gesuchte auf der Flucht gewesen, 730.000 Dollar Kopfgeld hatten die Behörden schließlich auf ihn ausgesetzt. Duarte war kein gewöhnlicher Verbrecher, er war Gouverneur des mexikanischen Bundesstaates Veracruz. In nur sechs Jahren Amtszeit soll er dem Staat 1,7 Milliarden Dollar gestohlen haben, schätzt der nationale Rechnungshof. Und Duarte war auch kein gewöhnlicher Gouverneur, sondern lange ein Günstling des Präsidenten gewesen.

Obwohl der Fall Duarte selbst für mexikanische Verhältnisse spektakulär ist, war im Ausland kaum etwas darüber zu hören. Wird derzeit über Mexiko berichtet, dann fast nur in Verbindung mit Donald Trump und seinen Wahlversprechen, die sich in Mexiko wie Drohungen anhören: eine Mauer, deren Bau das Land bezahlen soll, massenhafte Abschiebungen von Migranten und eine Revision des Nafta-Abkommens. Statt freien Handels könnte das 35 Prozent Ausfuhrsteuer auf Fahrzeuge und 20 Prozent Abgabe auf alle anderen Exportgüter bedeuten.

Der Wirbel um Trumps Drohungen ist berechtigt: Sollte die US-Regierung sie durchsetzen, würde das Mexiko sehr wahrscheinlich in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzen. Zu sehr hat sich das Land in den vergangenen Jahrzehnten abhängig von den USA gemacht, 80 Prozent der Exporte landen heute dort. Und die Migranten, die in den USA Burger braten und Kaffee servieren, überwiesen allein im vergangenen Jahr 27 Milliarden Dollar zurück in den mexikanischen Wirtschaftskreislauf.

Doch sosehr Trumps Pläne dem Land schaden könnten – der mexikanischen Regierung nützen sie im Moment. Sie kann so von den Problemen ablenken, für die sie selbst verantwortlich ist.

In Mexiko steigt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit den achtziger Jahren jährlich nur um etwa 0,5 Prozent. Der Weltbank zufolge leben noch immer knapp 55 Prozent der Mexikaner unter der Armutsgrenze. Daran änderte auch das Nafta-Abkommen nichts, um das jetzt viele fürchten.

Dabei besitzt Mexiko alles, wovon Volkswirte träumen: Erdöl, Erdgas, fruchtbare Böden, Fabriken und Touristenstrände – am Pazifik und in der Karibik. Trotzdem entwickelt sich die Wirtschaft im Vergleich zu ihrem Potenzial nur schleppend.

Und das liegt vor allem an Politikern wie Duarte. Korruption, Klientelismus und Steuerhinterziehung sind in Mexiko zum Geschäftsmodell der Eliten geworden. Seit 2012 wurden 42 Gouverneure verdächtigt, Geld veruntreut zu haben. Im Korruptionsindex von Transparency International landete Mexiko 2016 auf Platz 123 von 176.

Dem Global Competitiveness Report 2016 des Weltwirtschaftsforums zufolge stellt Korruption sogar das größte Problem für die wirtschaftliche Entwicklung in Mexiko dar. Statt in Bildung oder Infrastruktur steckte Javier Duarte das Geld der Steuerzahler in Scheinfirmen. Er gab vor, Hilfsgüter für Armenviertel zu besorgen, soll sich aber Luxusanwesen sowie eine Pferderanch für den persönlichen Gebrauch angeschafft haben.

Dass so viele Politiker korrupt sind, liegt daran, dass das System es ihnen leicht macht. Wo die öffentlichen Gelder landen, wird in Mexiko kaum kontrolliert. Zwar hat der Kongress vor einer Weile neue Gesetze zur Korruptionsbekämpfung erlassen. Allerdings wurde bisher keiner ernannt, der die Fälle verfolgen soll.

Die Mehrheit der Mexikaner hält die Korruption inzwischen für das drängendste Problem im Land, vor der Unsicherheit. Auch deshalb lagen die Zustimmungswerte für Präsident Peña Nieto zeitweilig bei weniger als zwölf Prozent.

Doch seit Trump den Mexikanern droht, wird die Kritik an Peña Nieto leiser. Trump half der Regierung, sich als Opfer zu inszenieren. 2018 sind Präsidentschaftswahlen in Mexiko. Als Peña Nieto vor sechs Jahren antrat, versprach er, das System zu reformieren und die Korruption zu bekämpfen. Damals pries er Gouverneur Javier Duarte als positives Beispiel. Heute hilft ihm Donald Trump, von diesem Irrtum abzulenken.