Warum sie nerven

von Jochen Bittner

Eine Verurteilung des Gutmenschen muss sachlich beginnen und sich dann schamlos ins Rationale steigern. Genau darauf nämlich reagieren sie allergisch, die Gutmenschen, und genau das macht sie so gefährlich, für die Meinungsfreiheit, für die Demokratie und für den gesellschaftlichen Fortschritt insgesamt.

Ein Gutmensch ist jemand, bei dem das moralische Urteil am Anfang des Denkprozesses steht statt an dessen Ende. Gutmenschen geht es darum, zu beweisen, wer der bessere Mensch ist, statt darum, wer die besseren Argumente hat. Gutmenschen glauben, das Böse austreiben zu können, indem sie bestimmte Ansichten nur oft genug als böse beschwören. In diesem Eifer erinnern Gutmenschen an Exorzisten. Sie glauben, mit einer Art innerer Wünschelrute genauer als gewöhnliche Leute orten zu können, wo Abgründe und gedankliche No-go-Areas drohen. Angesichts dieses exklusiven, quasipriesterlichen Wissens sind sie schnell auf Richard-David-Precht-hafte Weise ergriffen von sich selbst.

Die Pose des Gutmenschen ist die Betroffenheit, sein Gemütszustand die Empörung, seine Methode die politische Korrektheit. Der vermeintlich Allwissende sonnt sich gern in absoluten und endgültigen Formulierungen wie "Nichts ist gut in Afghanistan" (die Altbischöfin Margot Käßmann) oder "Diese Form von Gewalt (ist) in Deutschland leider ein altes Phänomen" (die Grünen-Politikerin Claudia Roth nach der Kölner Silvesternacht).

Solche Mantras, die die Gutmenschen vor sich herbeten, wären halb so schlimm, wenn ihre Produzenten lediglich nervtötend wären. Sie sind aber schlimmer als das. Sie sind diskurstötend.

Gutmenschen bewachen die Grenzen des Meinungskorridors wie Linienrichter das Fußballfeld. Wer aus ihrer eigenmächtig definierten Wohlfühlzone ausbricht, wird mit Diffamierung bestraft. "Islamhasser & sog. Islamkritiker richten großen gesellschaftlichen Schaden an", twitterte Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, vor einigen Wochen. Keine Frage, Hass richtet immer Schaden an. Aber die Kategorien Kritik und Hass tendenziell gleichzusetzen ist ebenfalls destruktiv.

Denn da wird eine legitime Position (den Islam zu kritisieren) als niederer Affekt (Menschen wegen ihres Glaubens zu hassen) stigmatisiert. Zumindest wird das eine in die Nähe des anderen gerückt. Genau dieser selbstgerechten Lust am Verbieten und Unterstellen frönen Gutmenschen ständig. Besonders triggerhappy sind sie mit den Vorwürfen des Rassismus und der Menschenfeindlichkeit.

Als der grüne Realpolitiker Boris Palmer die Ansicht äußerte, dass "offene Grenzen keine Option" seien und Deutschland "nicht allen Menschen, die aus guten Gründen nach Europa kommen wollen, helfen" könne, schimpfte sein Parteikollege Volker Beck: "Palmers denunziatorischer Duktus gegenüber einer menschenrechtlich orientierten Flüchtlingspolitik ist unsäglich." Beck hätte seine argumentfreie Antwort auch kürzer halten können, denn ihr doktrinärer Kern lautet schlicht: "Palmer, du Unmensch!"

Die größte Bedrohung der Meinungsfreiheit in westlichen Rechtsstaaten geht nicht von Regierungen aus, sondern von Mitmenschen, die einander zu Anstandswächtern geworden sind. Dazu gehören auch Journalisten, wenn sie ihren Job mit Volkserziehung verwechseln.

Der Bürger brauche nicht bloß Schutz vor der Tyrannei eines Staates, er brauche auch Schutz vor der "Tyrannei der vorherrschenden Meinung und des vorherrschenden Gefühls", warnte schon 1859 der englische Philosoph John Stuart Mill. Ansonsten drohe die "Versklavung der Seele selbst". Mill schrieb noch in Unkenntnis der neuen sozialen Ächtungsmedien, die Facebook und Twitter eben auch sind.

Gutmenschen glauben an die faktische Kraft des Normativen, daran also, dass nicht ist, was nicht sein darf. Gesellschaftliche Debatten halten sich daran nicht; sie strömen und schwellen an und ab wie ein Fluss. Man kann sie nicht zum Stillstand bringen, man kann sie nur vernünftig regulieren.

Werden zu viele Dämme gebaut, tritt das Wasser über die Ufer. Besonders spektakulär geschah das in Schweden. Vor lauter gutmenschlicher Konformität in der Flüchtlingspolitik überließen es die großen Parteien allein den "Schwedendemokraten", wachsenden Unmut zu kanalisieren. Das Resultat: Binnen fünf Jahren stiegen sie von einer Neonazi-Splitterpartei mit 5,7 Prozent zur stärksten politischen Kraft auf, mit 25 Prozent Zustimmung im Sommer 2015. Im November desselben Jahres sagten 41 Prozent der Schweden, dass sie sich weniger Immigration wünschten.

Gutmenschen verhindern also nicht nur Problemlösungen, sie treiben auch viele derer, die sie als Schlechtmenschen schelten, zu Parteien am rechten Rand. Die wiederum betreiben dieselbe Verunglimpfung Andersdenkender wie die Gutmenschen, nur vom anderen, zynischen Meinungspol aus: Wer Flüchtlinge willkommen heißt, ist in ihren Augen ein "Volksverräter".

Gutmenschen sind tragische Personen im klassischen Sinne. Im Bestreben, die moralische Integrität der Gesellschaft und den sozialen Frieden zu schützen, gefährden sie letztlich beides. Mit Kurt Tucholsky gesprochen: Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint.

Jochen Bittner

Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Version dieses Textes war ein Fehler. Es hatte geheißen, die Schwedendemokraten hätten 41 Prozent Zustimmung gehabt. Das stimmt so nicht, sie hatten 25 Prozent bei den Wahlen. Wir haben das online geändert. Die Redaktion.