Wenn ein Pfarrer anfängt, über zivilen Ungehorsam nachzudenken, muss einiges im Argen liegen. Ziviler Ungehorsam, "das passt eigentlich gar nicht zu mir", sagt Andreas Tasche, 60 Jahre alt, verheiratet, Vater von sechs Kindern. Aber dann kam die Sache mit Familie Batto. "Da haben wir zum ersten Mal überlegt, uns auf die Straße zu legen. Aus Protest gegen Polizeigewalt", sagt Tasche.

Pfarrer Tasche arbeitet bei der Herrnhuter Brüdergemeine, einer Freikirche in der sächsischen Lausitz. Im Juli 2016 hat die Brüdergemeine einer Familie aus dem Nordirak Kirchenasyl gewährt. 18 Mitglieder der Familie Batto – Vater, Mutter, vier Söhne, drei Schwiegertöchter und neun Enkelkinder – zogen damals nach Herrnhut. Seither müssen sich die Kirchenleute ständig rechtfertigen dafür, dass die Battos hier leben – obwohl sie, nach den Regeln des Staates, das gar nicht dürften. Zwischenzeitlich drohten Politiker, die Battos aus der Gemeinde holen zu lassen. "Am schlimmsten war es im Herbst", sagt Pfarrer Tasche, "als wir Angst hatten, dass die Polizei hier räumen und die Battos abholen wird."

Die Battos: Kaum ein Fall steht so beispielhaft für die moralischen und politischen Verknotungen, die das Kirchenasyl mit sich bringt, wie der Fall dieser Familie. Das Kirchenasyl in Deutschland, es lässt sich auf eine simple Formel reduzieren: Der Staat gewährt der Kirche die Freiheit, Gnade vor Recht walten zu lassen. Nimmt die Kirche einen Flüchtling auf, kann der Staat es sich schließlich kaum leisten, diesen Flüchtling aus dem Gemeindehaus zu tragen. Solche Bilder will niemand. Die Frage, die sich aber stellt, gerade in diesem Fall Batto, sie lautet: Soll die Kirche das dürfen? Oder muss sie das sogar dürfen?

Die Battos sind orthodoxe Christen, sie stammen aus der Nähe von Mossul, sind vor dem IS geflohen. Das muss man wissen, weil wirklich alles dafür spricht, dass sie in Deutschland asylberechtigt wären. Da ist nur ein Problem: Sie hatten, ehe sie hierher kamen, schon Unterschlupf in einem EU-Land gefunden, in Tschechien, südöstlich von Prag. Im Rahmen eines Sonderprogramms der tschechischen Regierung waren sie mit rund 150 anderen Christen von Beirut aus über Istanbul nach Prag geflogen worden. Gen Deutschland übersiedelten sie erst Monate später, auf eigene Faust – weil ihnen, wie sie sagen, in Tschechien Versprechungen gemacht worden seien, die sich nicht erfüllt hätten.

Die Sache ist, dass Flüchtlinge, die bereits in einem EU-Land registriert wurden, in keinem anderen EU-Land mehr Asyl beantragen können. Das regelt das sogenannte Dublin-III-Abkommen. Die einzige Chance für die Battos, in Deutschland zu bleiben, war das Kirchenasyl.

Seit die Herrnhuter Brüdergemeine dieses Asyl gewährte, herrscht Unruhe in dem 6.000-Seelen-Ort in Ostsachsen. Den Battos – das sagen jene, die kritisieren, dass die Familie nun in Herrnhut lebt – habe es in Tschechien nicht gefallen, deshalb seien sie nach Deutschland weitergezogen, aus reinen Komfort-Erwägungen also. Was die Kirche da tue, sei schon deshalb eine besondere Dreistigkeit.

Jene hingegen, die die Battos verteidigen, sagen: Dies war eine Familie in Not, und diese Not hat der Staat nicht erkannt. Ist es nicht eine moralische Pflicht, dass die Kirche eingreift, aus Gründen der Barmherzigkeit?

Zwischen diesen Polen verläuft der Streit, und vielleicht muss man in Herrnhut erst einmal die Familie Batto besuchen, um diesen verworrenen Fall verstehen zu können.

Wie es in der Heimat der Familie aussieht, kennt man aus der Tagesschau: sandige Straßen, zerbombte Häuser, zerrüttete Leben. Der IS hat fast alles zerstört im Ort Bartella, auch das Anwesen der Familie, die eine Spedition und ein Kaffeehaus betrieb, drei der vier Söhne arbeiteten dort, auch der 30-jährige Hader. Hader lebt jetzt in Herrnhut. Er sitzt in einer Wohnung der Brüdergemeine und zeigt Fotos aus der Heimat auf seinem Handy. Um seinen Hals hängt ein klobiges Kreuz aus Gold. Neben ihm, auf dem Sofa, sitzen seine Söhne. Yusif ist acht, Wisam fünf und Matti drei Jahre alt.

In einer Nacht im August 2014 fielen IS-Milizen in ihre Stadt ein. Es blieben nur wenige Stunden, um schnell einige Habseligkeiten zusammenzupacken. Zu Fuß haben die Battos sich auf den Weg nach Kurdistan gemacht, hinter ihnen die Scharfschützen des IS, vor ihnen die Kämpfer der Peschmerga. Schutz fanden sie in einem Flüchtlingslager in Ankawa, einer Vorstadt von Erbil. Von dort ging es erst nach Beirut, dann nach Europa. Die ganze Geschichte ihrer Flucht haben die Battos für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) dokumentiert. Zehn Seiten, auf denen geschrieben steht, wie die Familie in Herrnhut gelandet ist, im Kirchenasyl. Und damit auch im Zentrum einer emotional geführten Debatte.

Schon der Weg der Battos vom Flüchtlingslager nach Prag liest sich in diesem Bericht wie ein einziges Abenteuer. Er beginnt vor zwei Jahren, mitten in der Flüchtlingskrise, als die tschechische Regierung, wie viele osteuropäische Regierungen, eher skeptisch war, was die Aufnahme von Flüchtlingen betraf. Ein Zeichen wollte man aber doch setzen. Und wenigstens ein paar auserwählten – christlichen – Flüchtlingen helfen.

Die Regierung legte ein eigenes Resettlement-Programm auf und schickte Scouts in die Flüchtlingscamps, auch in das nach Ankawa. Der Vater von Hader Batto, vor der Flucht Schuldirektor, hatte die Leitung der Flüchtlingsschule übernommen. Ein angesehener Job. So kamen die Battos ins Visier des Besuchs aus Europa. "Die haben uns dort angesprochen", erinnert sich Hader, "erst wollten wir nicht mit." Vor allem der Vater fühlte sich den Schulkindern im Camp verpflichtet. Nur unter zwei Bedingungen habe er sich auf die Umsiedlung eingelassen: Alle Familienmitglieder müssten in Tschechien als Flüchtlinge anerkannt werden. Und alle müssten freien Zugang zu Arbeit, Schule und medizinischer Versorgung erhalten. Erst als der Vermittler die Integration zugesichert habe, hätten die Battos zugesagt.

Sie sollten für Tschechien eine Art Vorzeigefamilie werden. Eine, die man ins Fernsehen holen kann, um zu sagen: Seht her, wir nehmen auch Flüchtlinge auf! "Von dem Moment an, in dem wir aus dem Flugzeug gestiegen sind, war die Presse immer dabei", sagt Rasha, Haders Frau. Das Umsiedlungsprojekt, es wurde zum Medienspektakel, bei dem jeder seine Rolle zu spielen hatte. Die Organisation, die im Auftrag der Regierung die Familien betreute, musste dafür sorgen, dass sich die Versprechungen erfüllten, die man den Battos gemacht hatte. Und die Battos mussten sich dankbar zeigen für das, was man ihnen gab.