Am Ende eines langen Arbeitstages wuchten sich die drei Bodyguards der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon in einen Van. Sie essen ein krümeliges Konfekt, das ein Parteimitglied für die gerade zu Ende gegangene Wahlkampfveranstaltung gebacken hat. Der Wagen setzt sich in Bewegung und schlängelt sich an Schafweiden und menschenleeren Dörfern vorbei, die kurvenreiche Straße wirft die schweren Körper der Männer hin und her. Sie reden über ihre Chefin, und auch wenn hier nicht aufgeschrieben werden darf, was sie über sie sagen, ist doch berichtenswert, wie sie es sagen.

Man könnte vermuten, dass die zwei Ex-Soldaten und der frühere Polizist distanziert über die Erste Ministerin von Schottland sprächen. Doch für die drei ist "Nicola" eine von ihnen. Eine Kameradin im gemeinsamen Kampf.

Die Schotten, erklären sie mampfend, seien ein besonderes Volk. Man müsse es sich wie eine große Gemeinschaft vorstellen, eine weitverzweigte Familie. Wenn es einem von ihnen schlecht gehe, hülfen die anderen. Das sei der Unterschied zwischen Schotten und Engländern. Die Bodyguards schauen den grünen Feldern hinterher, die am Fenster vorbeiziehen. In der Ferne schimmert bläulich die Nordsee. Ginge es nach den drei Männern und ihrer Chefin Nicola Sturgeon, würden die Weiden, das Wasser und die Ölvorkommen unter dem Meeresboden allein den Schotten gehören. Als selbstverwaltete Region von Großbritannien hat Schottland mit seinen fünf Millionen Einwohnern zwar seine eigene Flagge, Regionalregierung und Nationalmannschaft. Doch die Männer träumen von einem eigenen Staat.

Wer die britische Politik verfolgt, hat sich an pausenlose Überraschungen gewöhnt. Nun also eine Neuwahl am 8. Juni. Die Premierministerin Theresa May hat sie ausgerufen, um ihr Mandat für die Brexit-Verhandlungen zu stärken. Die oppositionelle Labour-Partei unter Jeremy Corbyn ist derzeit so schwach, dass May mit einer überwältigenden Mehrheit rechnen kann. Auf den ersten Blick also ein sicheres Spiel. Auf den zweiten Blick aber ein großes Risiko: Mays Politik hat in Schottland einen Kampf wiederbelebt, der schon ausgefochten schien.

Während der Brexit in England viele Unterstützer hat, lehnen ihn die Schotten ab. Nicola Sturgeon wirbt daher dafür, erneut über die Abspaltung von Großbritannien abzustimmen. Beim letzten Mal, 2014, entschied sich eine knappe Mehrheit gegen die Unabhängigkeit. Doch mit dem Brexit hat sich die Lage geändert. Als eigenständige Nation könnte Schottland wieder in die EU eintreten. Gelänge es Sturgeon, ihren Plan zu verwirklichen, wäre es das Ende einer 300 Jahre alten Union: Großbritannien würde zu Kleinbritannien schrumpfen. Sturgeon ist die einzige Gegnerin, vor der sich Theresa May fürchten muss.

Nicola Sturgeon gehört zu einem Typus Politiker, der selten geworden ist. "Überzeugungstäterin" passt wohl am besten. Aufgewachsen ist die 46-Jährige in einer gesichtslosen Kleinstadt im Südwesten Schottlands, der Vater war Elektriker, die Mutter Zahnarzthelferin. Drei Umstände haben die junge Nicola geprägt: die hohe Arbeitslosigkeit in der Nachbarschaft; die atomaren U-Boote samt Trident-Raketen, die damals als Zeichen der Macht in britischen Gewässern 40 Kilometer vor Glasgow stationiert waren; schließlich Margaret Thatcher, die mit ihrer marktradikalen Politik all das verkörperte, was Sturgeon hasste: die Entmachtung der Gewerkschaften, die Entfesselung des Marktes, die Verachtung der solidarischen Gesellschaft. Sie war 16, als die Wut sie dazu trieb, an der Haustür der schottischen Nationalistin Kay Ullrich zu klingeln.

Ullrich erinnert sich noch gut an das junge Mädchen mit den Dr.-Martens-Stiefeln, das da vor ihrer Tür stand. Eine ungewöhnliche Erscheinung, sehr kämpferisch und ernst. Die 74-Jährige erzählt von diesen Tagen mit revolutionärer Verklärung: von den Parteitagen, die eher Familientreffen ähnelten, weil die Scottish National Party (SNP) so klein war. Von den aussichtslosen Wahlen für das Parlament in London. Die SNP-Leute waren die ewigen Verlierer, die nach jeder Niederlage aufstanden und weiterkämpften.

Dann endlich ein Zugeständnis aus London: 1999 durften die Schotten ein eigenes Parlament in Edinburgh eröffnen. Der Schauspieler Sean Connery kam, Menschen tanzten auf den Straßen. "Es war wie eine neue Morgendämmerung für die SNP", sagt Ullrich. In ihrer Küche hängt ein verblichenes Foto der ersten Fraktion: Ullrich war parlamentarische Geschäftsführerin, Sturgeon hatte einen Platz als Abgeordnete ergattert. Sie steht in der letzten Reihe, die Haare noch braun, das Gesicht etwas pausbäckig. Ein wenig erinnert sie an Angela Merkel, als diese noch stellvertretende Regierungssprecherin der DDR war.

Sturgeon ist seitdem schlanker, schlagfertiger und selbstbewusster geworden. Ihr Ziel hat sich nicht verändert. "Die schottische Unabhängigkeit", sagt ihr Ex-Freund Richard Bell, "ist ihre Raison d’Être."

Heute trifft man überall in Schottland Menschen, die Sturgeons Sicht teilen. Der Traum von der Unabhängigkeit ist keine Spinnerei mehr, obwohl jene Länder, die sich bisher von Großbritannien abgespalten haben, dafür Kriege führten (USA), sich jahrzehntelang gegen den Kolonialismus auflehnten (Indien) oder terroristische Anschläge verübten (Irland). Die SNP hingegen will die Unabhängigkeit mithilfe des Parlamentarismus erreichen. Doch sind die Bürger bereit, einen solch radikalen Bruch zu wählen, wo sie doch nicht unter Gewalt oder Unterdrückung leiden?

Für Sturgeon ist der Kampf noch nicht vorbei. Er geht jetzt in seine entscheidende Phase.

Ein paar Stunden bevor die Bodyguards ihre Heimreise antreten, halten sie auf dem Parkplatz der Elite-Universität von St Andrews im Südosten Schottlands. Ein sehr britischer Ort: Prinz William hat hier seine Kate kennengelernt. Der Wind weht kühl von der Küste herüber, als Sturgeon aus ihrem Dienstwagen steigt und auf die Studenten zugeht, die sich vor dem Physikgebäude die Sonne auf das Gesicht scheinen lassen.

"Hey, ich bin Nicola!" Ihre Hand fährt hervor und lässt einen goldenen Armreif klirren. Ihr Auftreten ist warmherzig und kumpelhaft. Eine Studentin mit lockigem Haar errötet. "Freut mich, Sie kennenzulernen", sagt das Mädchen und macht einen Knicks, als stünde sie vor der Queen.