Seit dieser Kurier mich fast überfuhr, denke ich an Musil. Sein Mann ohne Eigenschaften beginnt ja mit einem Knall. Ein Lastwagen rammt einen Passanten, im Wien der 1910er Jahre. Klar, was der Dichter damit sagen will: Die Moderne bringt eine neue Art von Klassenkampf hervor. Die Schnellen gegen die Langsamen; Technik gegen Tradition. Und man weiß gleich, wie es ausgeht: Wer nicht mithält, wird überrollt. Gilt nicht dasselbe im Hamburg der 2010er Jahre, wo ein schusseliger Wochenzeitungsschreiber einem Pizzaboten in die Quere kommt? Mittlerweile glaube ich: nein. Denn es ist kein modernes Gefährt, auf dem der Kerl da strampelt. Und das, was ihn antreibt, ist kein Schicksal, kein Fortschritt. Das bin ich selbst.

Ich lasse mir gern Sachen liefern; das finde ich bequem. Nicht viel, nur das Übliche. Ersatzteile, für die ich sonst durch die halbe Stadt fahren müsste. Weine vom Online-Discounter, günstiger als im Laden. Geschenke, schon fertig verpackt; ich bin nicht geschickt in so was. Dann natürlich manchmal Kleidung, Essen, Unterhaltung. Den Rechner, auf dem ich dies schreibe. Den Tee, den ich dazu trinke. Ich habe mir nie etwas dabei gedacht. Lauter kleine Kaufentscheidungen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber sie haben alle mein Leben verändert – und unsere Gesellschaft auf den Kopf gestellt.

Früher war ich mehr unterwegs. An einem normalen Samstag fuhr ich in die Stadt. Bummelte durch die Läden, aß einen Happen, ging später vielleicht noch ins Kino. Das gleiche Programm 2017: Zalando, Netflix, Foodora. Die Welt kommt zu mir. Ich hatte nie darum gebeten. Aber ist das nicht der Traum vom Schlaraffenland – Zugriff auf alle Ressourcen? Und träumt ihn die Menschheit nicht schon seit den Tagen der Jäger und Sammler, die sicher auch lieber grillten und aßen als sammelten und jagten?

Dank des Online-Handels sind wir nun am Ziel. Wir können praktisch alles haben, ohne unser Heim zu verlassen. Allein Amazon vertreibt 230 Millionen verschiedene Artikel, tausendmal mehr als jedes Kaufhaus. Nun kommen mit Amazon Fresh auch noch Frischwaren dazu. Ein Knopfdruck deckt unseren Tisch. Die Werbung verspricht ein entspannteres, ein selbstbestimmteres Leben. Die Frage ist bloß, wie bei jedem Paket: Ist wirklich drin, was wir wollten? Und wer bezahlt das Porto?

Internethändler und Streamingdienste locken uns in eine neue Häuslichkeit, ein digitales Biedermeier. Und das Angebot hat seinen Charme, gerade für gestresste Städter. Wir haben uns daran gewöhnt, die Welt "da draußen" als lästig wahrzunehmen. Eine Sphäre, die uns ihren Zwängen unterwirft. Die Samstage damals in der Stadt kommen mir heute vor wie Filme voller Werbepausen. Das Parkplatzsuchen, das Tütenschleppen, das Warten an der Kasse ... Da ging schon mal ein Tag drauf für den Kauf der neuen Jeans. Und wehe, sie gefiel zu Hause nicht mehr – noch mal drei Stunden beim Teufel. All das fällt weg, wenn wir online bestellen. Wir gewinnen Zeit für das, was wir wirklich wollen. So denken wir zumindest.

Aktiver machen die gewonnenen Stunden uns allerdings nicht. Nach Erhebung des Statistischen Bundesamts verbringen die Deutschen mehr Zeit als früher mit Fernsehen, mit Ausruhen und vor allem natürlich mit Smartphone und Computer. Auf der anderen Seite: weniger Geselligkeit, weniger Spaziergänge, weniger Kultur. 2002 waren wir noch 27 Minuten am Tag zu unserem Vergnügen unterwegs. 2013 waren es nur mehr 21 Minuten. Wir werden ein Volk von Stubenhockern. Wenn mal einer spontan vor die Tür geht, hat ihn wahrscheinlich die Fitness-App dazu ermahnt.

Wir entschleunigen also, netter gesagt – und beschleunigen andere damit. Eine Armee von Boten schwitzt für uns; und doch kommen wir nicht zur Ruhe. Neulich beim Kerzenscheinabend:

"Bestellst du uns was Schönes? Mein Akku ist leer."

"Die nehmen kein AmEx. Sagst du mal deine Kreditkartennummer?"

"Wir haben einen Gutschein von denen, oder?"

"Wo denn? Ach, hier. Schon abgelaufen."

"Der Bote simst, es dauert länger. Das Restaurant hat zu spät geliefert."

"Haustür klemmt? Sehr merkwürdig. Warten Sie, ich komme runter."

"Ich füll uns das eben noch um. Aus dem Plastik essen ist eklig."

"Ist deins warm?"

"Geht so."

"Bei mir haben sie wieder den Koriander vergessen. Schreibe ich gleich in die Bewertung."

"Und bringst du nachher die Verpackung runter? Der Abfalleimer ist schon wieder voll."

Da ist sie, die lästige Welt "da draußen", zwischen uns auf der Couch. Und wir haben sie hereingelassen. Wir haben unsere Wohnzimmer in Marktplätze verwandelt und klagen nun über den Lärm. Wir lassen eine Pizza vom anderen Ende der Stadt herbeischaffen und verstehen nicht, warum sie kalt ist.

Das Internet schickt Daten blitzschnell um die Welt, ohne Verluste und praktisch umsonst. Dann geht das doch genauso gut bei den Waren, die wir dort bestellen. Die Wege, die wir uns ersparen – wir glauben gern, sie seien wirklich verschwunden. Die Lieferanten arbeiten hart daran, diese Illusion zu nähren. Immer mehr wird kostenfrei verschickt, immer schneller wird zugestellt. Der Amazon-Chef Jeff Bezos denkt über Paketdrohnen nach. Dann flögen uns die gebratenen Tauben tatsächlich in den Mund.