Jemand musste Donald T. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens in das Büro der Staatsanwaltschaft bestellt. Am Mittwoch, dem 19. April, stieg Donald Tusk am Gleis 4 des Warschauer Hauptbahnhofs aus dem Waggon. Er war mit dem Hochgeschwindigkeitszug Pendolino aus seinem Geburtsort Sopot angereist. Auf diese Investition in die Infrastruktur blickt Tusk mit Stolz, wurde sie doch während seiner Amtszeit als Ministerpräsident getätigt. Der Pendolino steht für ein Polen, das technisch modernisiert wurde – aber nicht gesellschaftlich.

Die 1,5 Kilometer bis zum Gebäude der Staatsanwaltschaft legte Tusk zu Fuß zurück, begleitet von jubelnden Mengen. Das Ganze wurde live im Fernsehen übertragen. Über acht Stunden dauerte die Anhörung, und während der gesamten Zeit warteten vor dem Gebäude Menschen und riefen "Gebt Tusk frei!". Als Tusk endlich vor die Menge trat, war die Dämmerung hereingebrochen. Er hätte die Anhörung vermeiden können, denn als Präsident des Europäischen Rates genießt er Immunität. Jeder weiß, dass der Fall gegen ihn von A bis Z konstruiert ist. Die Staatsanwaltschaft untersteht dem Justizministerium, und sie ermittelt, ob es Gesetzesverstöße gab, als polnische Geheimdienstvertreter 2012 eine Vereinbarung mit ihren russischen Amtskollegen unterzeichneten. Das Abkommen sei ohne die schriftliche Zustimmung Tusks unterzeichnet worden, so lautet der Vorwurf, dabei liegt diese schriftliche Genehmigung seit Langem vor. Als problematisch könnte man es allenfalls bewerten, dass die Genehmigung nicht mit dem Verteidigungsminister abgestimmt war, eine kleinere verfahrenstechnische Angelegenheit.

Warum hat sich Tusk darauf eingelassen? Warum fuhr er mit dem Zug? Warum ging er zu Fuß, während seine Limousine langsam neben ihm herfuhr? Was ist da los?

Es gibt eine Vorgeschichte. Um zu verhindern, dass Tusk eine zweite Amtszeit als Präsident des Europäischen Rates antreten würde, bemühte sich die nationalkonservative Regierung, die anderen Mitglieder davon zu überzeugen, Tusk sei kein neutraler Vermittler, sondern stehe an der Spitze der polnischen Opposition. Es gelang ihnen nicht. Tusk wurde im März wiedergewählt.

Mehr noch, in dieser Woche sprachen die Europaminister der EU auch noch über die Frage, ob Polen unter der jetzigen Regierung noch ein Rechtsstaat sei – ein Novum in der Geschichte der EU. Aber die größte Enttäuschung für die Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) muss wohl darin liegen, dass sie die Polen selbst von ihrem Spin überzeugt hat: Tusk ist der Sprecher der polnischen Opposition.

Daher der Zug, der Weg zu Fuß. Tusk ist ein geborener Politiker, der Gelegenheiten erkennt. Ihr wolltet Tusk, jetzt habt ihr ihn!

Sofort schossen die Beliebtheitswerte der Bürgerplattform (PO), deren Vorsitzender Tusk bis zu seinem Amtsantritt in Brüssel war, in die Höhe. Noch im März stand die PiS in Umfragen bei 35 Prozent, die PO kam nicht über 20 Prozent. Ende April dann zog die PO mit 31 Prozent erstmals seit den Parlamentswahlen 2015 mit 29 Prozent an der PiS vorbei. Wie über Nacht hat sich die Atmosphäre gewandelt. Bislang war die Opposition gespalten gewesen, Initiativen konnte sie keine anschieben. Dass sich das Blatt gewendet hat, liegt vor allem daran, dass der PiS-Vorsitzende Jarosław Kaczyński sich in den Polen geirrt hat. Die Kampagne gegen Tusk ist auch deshalb gescheitert, weil die Wähler antieuropäisches Ressentiment nicht mehr unbedingt belohnen.

Angriffe auf den Verfassungsgerichtshof mögen die Polen noch hinnehmen, das Gericht kommt ihnen ohnehin völlig abstrakt vor. Sie mögen auch hinnehmen, dass das Staatsfernsehen wieder im Stil der Volksrepublik Polen gestaltet wird, denn sie haben noch diverse weitere Sender, auf die sie umschalten können. Aber wenn sich ein Lkw-Fahrer vorstellt, er müsse wieder stundenlang an den Grenzübergängen ausharren, wenn sich ein Bauer vorstellt, dass ihm seine Subventionen gestrichen werden, und wenn sich ein Student vorstellt, sein Auslandsstudium nur zu einem extrem hohen Preis antreten zu können, dann liegen die Dinge auf einmal doch ganz anders. Die Polen sind Europafanatiker, und der Rückhalt der EU-Mitgliedschaft ist gigantisch. 88 Prozent der Polen sind zufrieden mit der Mitgliedschaft in der EU, nur acht Prozent lehnen sie ab. Indem die PiS der Wählerschaft erklärte, die EU habe Polen "betrogen" und künftig müsse Polen die Initiativen der EU "blockieren und sein Veto einlegen", wurde eine rote Linie überschritten.

Für die PO sieht der Wahlkalender günstig aus. Keine andere Partei hat eine derart gut entwickelte Infrastruktur, stellt so viele Kommunal- und Provinzregierungen (in 15 der 16 Woiwodschaften hat die PO die Mehrheit), und sie verfügt über die größten finanziellen Mittel. Die PO hat eine gute Chance, die PiS 2018 bei den Kommunalwahlen zu schlagen. 2019 folgen die Parlamentswahl, weitere sechs Monate später die Präsidentschaftswahl. Tusks Amtszeit als Präsident des Europäischen Rates läuft vier Monate vor der ersten Runde des Präsidentschaftswahlkampfs ab, das lässt ihm mehr als genug Zeit, um in Polen als Präsident zu kandidieren. Bislang sieht es ja ohnehin so aus, als würde die PiS den Präsidentschaftswahlkampf für ihn führen.

Wird aus Polen, der großen Enttäuschung der europäischen Demokratie, das erste Land, das den Populismus wieder abwählt? Es ist ein weiter Weg, aber für das Heimatland von Solidarność wäre es eine echte Wiedergeburt.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz