Was passiert mit uns, wenn wir etwas schön finden? Wird da durch einen Reiz ein Reflex ausgelöst und unser Gehirn in Glückshormonen gebadet, wie etwa beim Sex oder beim Essen? Oder brauchen wir für das ästhetische Erleben höhere kognitive Funktionen? Für Immanuel Kant war der Fall klar: "Das Wohlgefallen am Schönen muss von der Reflexion über den Gegenstand abhängen; und unterscheidet sich dadurch auch vom Angenehmen, welches ganz auf der Empfindung beruht", schrieb er 1790 in der Kritik der Urteilskraft. Keine Schönheit ohne Denken also. Nun hätte man von dem verkopften Königsberger Philosophen wohl nichts anderes erwartet. Aber Psychologen von der New York University glauben jetzt, Kants These nach über 200 Jahren empirisch bewiesen zu haben.

Dabei hatten sie unterschiedliche Erwartungen an den Ausgang ihrer Experimente. Aenne Brielmann, eine 26-jährige Doktorandin aus Deutschland, lag auf Kant-Linie, während ihr Doktorvater Denis Pelli das Schönheitsempfinden tatsächlich als eine Art Reflex auf angenehme Reize ansah.

Um den Disput zu entscheiden, starteten die beiden Psychologen ein Experiment. Sie setzten studentische Probanden unterschiedlichen sinnlichen Reizen aus: Man zeigte ihnen von den Studenten selbst ausgesuchte Bilder, die sie "bewegend schön" fanden; Bilder aus einer psychologischen Datenbank, die in der Vergangenheit generell positiv bewertet worden waren; neutrale Bilder aus dieser Datenbank; schlichte Fotos von Ikea-Möbeln; den Geschmack süßer Bonbons; und schließlich das Befühlen eines flauschigen Teddybärs. Bei allen Reizen sollte sowohl der simple Genuss bewertet werden als auch die Schönheit.

Für diese Bewertungen gab es zwei Versuchsdurchgänge: Im ersten konnten sich die Probanden voll auf den Sinneseindruck konzentrieren, im zweiten mussten sie parallel dazu eine komplexe gedankliche Aufgabe lösen. Ihnen wurde per Kopfhörer eine Buchstabenfolge vorgelesen, und sie mussten immer eine Taste drücken, wenn der aktuelle Buchstabe dem vorletzten entsprach – eine Aufgabe, die ihr Denkvermögen voll in Anspruch nahm. Wenn Kant recht hatte, so die Überlegung, dann müsste im zweiten Versuch das Empfinden von Schönheit zumindest teilweise blockiert werden, während im ersten Test dem unmittelbaren Genießen nichts im Wege stehen sollte.

Und tatsächlich: Die Ergebnisse, veröffentlicht in der vergangenen Woche in der Zeitschrift Current Biology, bestätigten die junge Doktorandin und den alten Philosophen. Während das Urteil über die Bonbons, den Teddy und die schwedischen Möbel durch die Denkaufgabe kaum beeinflusst wurde, brach das ästhetische Empfinden bei den vorher als "schön" bezeichneten Bildern ein: Auf der vierteiligen Skala wurden sie im Schnitt eine Einheit niedriger eingestuft. Auch der empfundene Genuss an den Bildern ließ nach, wenn das Denken behindert wurde.

Die Forscher diskutierten mit ihren Probanden nicht, was denn nun Schönheit sei. "Im Gegensatz zu vielen unserer Kollegen sind wir nicht daran interessiert, herauszufinden, was ein Objekt schön macht", sagt Aenne Brielmann. "Wir sind am psychologischen Erleben von Schönheit interessiert." Und dieses Erleben ist äußerst subjektiv: Zwar fanden erwartungsgemäß viele Teilnehmer Fotos von Sonnenuntergängen und Hundewelpen schön, aber unter den selbst ausgewählten Bildern waren auch sperrigere Motive, etwa Plattencover, die revolutionäre Arbeiter aus den dreißiger Jahren zeigten. "Für mich ist das beste Beispiel der Maler Jackson Pollock, den ich sehr, sehr lange nicht gemocht habe und dessen Bilder ich mir langsam erschließe", sagt Brielmann. Wir können also auch Dinge schön finden, die nicht direkt den Sinnen schmeicheln.

Lässt sich die Philosophie von solchen Experimenten im psychologischen Labor beeindrucken? "Das kommt stark darauf an, mit welchem Philosophen man spricht", sagt Brielmann. Mit mehreren Philosophen kollaboriert sie, zum Beispiel mit Robert Hopkins und Jesse Prinz, die ebenfalls in New York lehren. Andere Vertreter der Disziplin, sie nennt Alva Noë von der University of California in Berkeley, können empirischen Methoden nicht viel abgewinnen. Man darf wohl auch unterstellen, dass Immanuel Kant, der seine Königsberger Studierstube praktisch nie verlassen hat, mit dem Psycho-Labor eher gefremdelt hätte. Zunehmend aber stellen sich Philosophen Methoden aus der experimentellen Forschung. In Frankfurt am Main etwa wurde vor vier Jahren das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik gegründet.

In einem Punkt aber glauben Brielmann und Pelli, Kant widerlegt zu haben: Eine sehr starke angenehme Empfindung, sagen sie, kann schön gefunden werden. Wer mit dem Teddy starke Erinnerungen an die Kindheit verbindet, bei dem kann die bloße Berührung nicht nur ein angenehmes Gefühl auslösen, sondern auch das Empfinden von Schönheit. In jedem Fall, das zeigen die Daten der Forscher, haben wir an nichts so viel Genuss wie an den Dingen, die wir auch schön finden.

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