"Mami, du hast ja vier Augen – cool!" Das war das Letzte, was Paul sagte, bevor sie ihn in seinem Bett wegrollten, rein in den Raum mit piependen Apparaten, Menschen mit Mundschutz und in blauer Bekleidung. Er lächelte dabei, und wir blieben zurück. Wir waren froh um die Pille, die unser Sohn bekommen hatte, die ihn der Realität entrückte, aber auch voller Angst – und voller Schuldgefühle. Denn wir waren es gewesen, die das hier angerichtet hatten. Wir hatten dafür gesorgt, dass Paul operiert werden musste, dass er sich dem Risiko der Narkose aussetzte und all den möglichen Folgen, die dieser Eingriff haben konnte.

Wir hatten etwas getan, das wir besser unterlassen hätten: Wir waren zum Arzt gegangen. Wie so viele andere auch. Durchschnittlich zehnmal im Jahr sucht jeder Mensch in Deutschland einen Mediziner auf, mehr als 75 Millionen gehen pro Jahr mindestens zu einem niedergelassenen Arzt. Und so sitzen an einem normalen Montagmorgen bis zu neun Millionen Menschen in den Wartezimmern der Republik. Viele wären besser zu Hause geblieben.

Denn in der Praxis passiert oft etwas, das nicht passieren sollte: Der Arzt lässt ein Röntgenbild anfertigen, nimmt Blut ab, verschreibt ein Antibiotikum, verordnet Bettruhe, empfiehlt eine Operation. Das ist in vielen Fällen nicht nötig. Oft kann der Körper Beschwerden und Krankheiten selbst heilen, sie verschwinden von ganz alleine. Gleichzeitig haben viele Verfahren, die der Arzt anordnet, keinen nachgewiesenen Nutzen, im Gegenteil: Sie können dem Patienten schaden. Es kann besser sein, abzuwarten, erst einmal nichts zu tun.

Doch Abwarten hat kein gutes Image. Weder bei den Ärzten, die oft mehr Gründe finden, etwas zu tun, als etwas zu lassen; noch bei den Patienten, die schnell wieder fit sein wollen für Beruf und Freizeit – und die unsicher sind, wenn es um ihre Gesundheit geht.

Auch wir wollten nur sichergehen, als wir mit Paul zum Kinderarzt gingen. Er sollte bei einer zusätzlichen, also nicht unbedingt nötigen Vorsorgeuntersuchung beurteilen, ob bei Paul alles in Ordnung ist. Wir sprachen auch die Fersenschmerzen an, über die Paul immer mal wieder nach dem Fußball klagte – man kann ja mal fragen, was dahintersteckt. Das wollte auch der Kinderarzt wissen und überwies uns zum Orthopäden, einem engagierten Arzt, der an den Fersen nichts finden konnte, dafür aber am gesamten Restskelett. "Schief", "krumm", "Krankengymnastik" waren Worte, die uns lebhaft in Erinnerung blieben. Er schickte Paul zu einer Physiotherapeutin, die noch engagierter war. Sie ließ ihn eine Übung machen, die Rekruten der Bundeswehr zur Ehre gereicht hätte: Rücklings auf einem Gymnastikball liegend musste er einen Sandsack vom Boden aufheben und ihn im Hochkommen werfen. Er löste die Aufgabe zu ihrer Zufriedenheit, nur tauchte abends ein Problem auf: eine Schwellung am Unterbauch. Uns war schnell klar, dass es ein Leistenbruch war, der operiert werden musste. Und uns war auch klar, dass unser Aktionismus dafür verantwortlich war.

Nicht immer führt einen dieser Aktionismus gleich auf den OP-Tisch. Wenn man Schnupfen und Husten hat, landet man eher in einer Apotheke. Denn dagegen verordnen Ärzte gerne mal Antibiotika. Das ist kaum zu glauben: Eigentlich müsste jeder Arzt wissen, dass die gegen die häufigsten Schnupfenerreger, nämlich Viren, nichts ausrichten. Und doch passiert es immer wieder. Vielleicht auch, weil die Patienten es so wollen: In einer Umfrage der Krankenkasse DAK gaben drei Viertel der Teilnehmer an, dass sie sich bei einer hartnäckigen Erkältung ein Antibiotikum vom Doktor wünschten. Dabei sagt schon der Volksmund, dass eine Erkältung mit Arzt eine Woche dauert und ohne ihn sieben Tage. Und der Volksmund hat recht. Man müsste nur ein paar Tage Geduld haben. Von dem Antibiotikum aber hat man möglicherweise noch länger etwas, beispielsweise Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden oder Pilzinfektionen.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Rückenschmerzen halten meist länger an als ein paar Tage. Aber auch sie sind in den meisten Fällen harmlos und verschwinden nach ein paar Wochen von selbst. Ein guter Arzt erklärt das seinen Patienten und rät ihnen, erst einmal abzuwarten – natürlich nur, wenn es keine Warnzeichen für eine ernste Ursache gibt. Das aber kostet Mut (es könnte ja doch etwas Schwerwiegendes dahinterstecken) und Kraft (der Patient kommt oft mit der Erwartung, dass endlich etwas gegen seine Beschwerden unternommen wird – und hat womöglich lange im Wartezimmer gesessen). Also lassen manche Mediziner ein Röntgenbild vom Rücken anfertigen. Darauf sieht man tatsächlich oft eine Auffälligkeit, die dann für schuldig erklärt wird. Nur hat sie mit den Beschwerden meist gar nichts zu tun. Macht man Aufnahmen bei Menschen, die keinerlei Rückenbeschwerden haben, sind auch bei ihnen auf bis zu 87 Prozent der Bilder Abweichungen von der Norm zu sehen. Verschlissene Bandscheiben etwa. Verschleiß aber gehört nun einmal zum Leben dazu – krank ist man deswegen noch lange nicht.