DIE ZEIT: Herr Devecchi, am Tag Ihrer Pensionierung haben Sie das Geheimnis Ihres Lebens gelüftet. Sie, ein renommierter Heimleiter, waren selbst ein Heimkind. Kein Mensch wusste davon. Ihre Frau, die Sie als Einzige eingeweiht hatten, lebte nicht mehr. Und Ihre beiden Söhne ...

Sergio Devecchi: ... die wussten es, aber nicht im Detail.

ZEIT: Und sie durften es keinem erzählen?

Devecchi: Ich habe ihnen nie gesagt, dass sie das nicht weitererzählen dürfen, den Freunden oder in der Schulklasse. Aber sie haben es nie getan. Sie haben wohl gespürt, dass das nicht geht.

ZEIT: Sie haben 60 Jahre lang geschwiegen. Hatten Sie einen Trick, damit das Thema unter dem Teppich blieb, wenn es Ihnen hochkam?

Devecchi: Ich brauchte keinen Trick. Die Scham war so tief eingebrannt in mir, dass ich keine Energie brauchte, das unten zu lassen. Es war normal, nicht darüber zu sprechen.

ZEIT: Kamen Sie sich dabei unehrlich vor?

Devecchi: Nein. Auch nicht, wenn ich im Lebenslauf meine Biografie anpassen musste, wenn ich mich auf eine Stelle bewarb. Das Schweigen hat mir erst ermöglicht, mich gesellschaftsfähig zu machen.

ZEIT: Sie schreiben in Ihrem kürzlich erschienenen Buch Heimweh, Ihre Karriere wäre nicht möglich gewesen, wenn man gewusst hätte, dass Sie ein Heimkind waren.

Devecchi: Davon bin ich überzeugt. Ich glaube nicht, dass ich meine erste Stelle als Heimleiter bekommen hätte, wenn man von meiner Vergangenheit gewusst hätte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich diese Chance bekommen hätte. Ob ich recht habe, weiß ich nicht. Aber es zeigt, wie wir Heimkinder empfinden – und wie tief das Stigma sitzt. Das bringt man nie weg.

ZEIT: Ist Ihr Leben also ein Plädoyer dafür, die eigene Vergangenheit zu verleugnen?

Devecchi: Das Problem war gar nicht so sehr die Vergangenheit als Heimkind, sondern mein Status als unehelicher Bub. Ich konnte nicht sagen: Ich bin im Heim, weil ...

ZEIT: ... meine Eltern gestorben sind.

Devecchi: Oder weil sie nicht fähig sind, mich zu erziehen. Nein, ich wurde verstoßen.

ZEIT: Auf wen haben Sie den größeren Groll? Auf Ihre Mutter, die Ihr Schicksal nicht abwenden konnte, oder auf den Staat, in dessen Namen das geschah?

Devecchi: Wenn, dann habe ich einen Groll auf den Staat, der die schützende Hand nicht über mich hielt. Das ist nicht verzeihbar. Der Staat hat weggeschaut, aber auch die Kirche. Dass ich ins Heim komme, das hat der Pfarrer von Lugano zusammen mit meiner Großmutter eingefädelt.

ZEIT: Weil Ihre Mutter ledig war.

Devecchi: Dass sie mich 1947 unehelich zur Welt gebracht hat, war auch ein Stigma für sie. Sie hat wohl als junge Frau ein Leben geführt, das nicht in die Zeit passte. Sie war lebenslustig, sie war hübsch. Sie hatte wohl Glück, dass ihr Kind versorgt wurde – und nicht sie selber. "Administrativ versorgt" hieß das damals: Frauen wie meine Mutter sperrte man weg, zum Beispiel ins Gefängnis in Hindelbank.

ZEIT: Sie kamen als zehn Tage alter Bub ins Heim. Wann realisierten Sie, dass es nicht normal ist, so aufzuwachsen?

Devecchi: Wir mussten dem Heimleiter Vati sagen, der Heimleiterin Mueti. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren die Tanten und Onkel. Man hat uns ein Familiensystem vorgegaukelt. Als ich in den Kindergarten kam, realisierte ich, was echte Eltern sind: Mütter, die ein Kind auf den Arm nehmen, trösten. Väter, die ihre Kinder herzen, bevor der Kindergarten anfängt. Da begann es mir zu dämmern: Ich habe keine Familie.