Wenn er am Abend auf seine am Tag geschriebenen Seiten schaute, dann "besserte sich das allgemeine Befinden". Dann konnte er die Strecke ermessen, die er mal wieder zurückgelegt hatte, so wie ein Langstreckenläufer staunend zurückblickt auf die überwundene Distanz. Die "Erzählbarkeit der Welt" war für den Erzähler Siegfried Lenz ein durchaus körperlicher Vorgang. Er schrieb alles mit der Hand, benutzte niemals eine Schreibmaschine, geschweige denn einen Computer. Die Geschichten, die er aus oft nur kleinen Anlässen draußen in der Welt entwickelte, strömten wie von selbst aus ihm heraus: Ein Mann mit Koffer am Bahnsteig, wo wollte der hin? Ein Taucher in der Elbe, was geschah da? Satz für Satz beschrieb er geduldig das Papier und schuf im Lauf der Jahrzehnte ein Werk, das mehr als 10.000 Druckseiten umfasst.

Die Manuskripte befinden sich heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach, das den Nachlass von Siegfried Lenz noch zu dessen Lebzeiten erworben hat. Mittlerweile ist fast alles dort angekommen, gesichtet und grob sortiert. 36 Umzugskartons waren das, zwei Wäschekörbe und verschnürte Pakete mit Manuskripten. Zeit, einmal nachzufragen: Was verrät sein Nachlass über den Größten der Hamburger Literaten?

Ulrich von Bülow, Leiter des Archivs in Marbach, führt hinunter in den Keller, wo wir entlang der Regale die deutsche Literaturgeschichte alphabetisch abschreiten bis zum Buchstaben L ganz hinten links im Eck. Etwa zehn Regalmeter füllt Lenz, abgepackt in moosgrüne und graue Kästen, für einen so produktiven Autor ist das eher wenig. Zwei Aktentaschen liegen da noch, das kupferne Modell einer Taucherhaube und ein mit Schnur umwickeltes Adressbuch, das mit all den zwischen die Seiten geschobenen Briefen und Karten ansonsten wohl längst aufgeplatzt wäre.

Die hinterlassenen Manuskripte sind mehr als nur vergilbendes Papier. Jenseits der 15 Romane und weit über hundert Geschichten, die sie bewahren, erzählen sie auch etwas über den Schriftsteller Siegfried Lenz. Er benutzte liniertes Papier, das er ausfüllte, ohne auch nur den kleinsten Rand zu lassen. Wenn die Welt erzählbar ist, dann darf es keinen Rest geben, dann muss alles beschreibbar sein. In der Nachkriegszeit, in der Lenz seinen Stil und seine Arbeitsweise ausbildete, war es nötig, das kostbare Material so gut wie möglich auszunutzen. Das prägte dann auch das formatfüllende, dichte Erzählen. "Was sind Geschichten?", fragte Lenz einmal und gab die wunderbare Antwort: "Man kann sagen, zierliche Nötigungen der Wirklichkeit, Farbe zu bekennen. Man kann aber auch sagen: Versuche, die Wirklichkeit da zu verstehen, wo sie nichts preisgeben möchte."

Es gibt erstaunlich wenige Korrekturen in all diesen zierlichen Nötigungen, so als habe Lenz erst dann mit dem Schreiben begonnen, wenn ihm die Konzeption des Ganzen schon klar war. Dabei entwarf er seine Geschichten durchaus ins Offene hinein und mit Lust daran, sich während des Schreibens überraschen zu lassen. Doch das Schriftbild verrät, dass jeder einzelne Satz im Kopf fertig gewesen sein muss, bevor er das erste Wort notierte. Das setzt ein anderes, im Computerzeitalter verloren gegangenes Denken voraus, ein Denken in größeren Bögen und Zusammenhängen und mit sicherem Zugriff auf den Stoff. So erlauben diese Blätter auch den Blick in eine vergangene Epoche, obwohl die Schreibzeit von Siegfried Lenz noch gar nicht so weit zurückliegt. Aus den schön geschriebenen Briefen lässt sich eine Sorgfalt ablesen, die heute selten geworden ist.

Die Schrift ist klein, sauber, präzise und sehr gut zu entziffern, fast ein bisschen buchhalterisch in ihrer Genauigkeit. Die Akribie eines Handwerkers, der ein brauchbares Produkt anfertigt, ist ihr anzusehen. Er stellt etwas her, Werkstück für Werkstück, Seite für Seite. Schreibblockaden kannte Lenz nicht. Die Produktion war auf pünktliche Lieferung ausgerichtet. Das konnte nur bei einem originären Geschichtenerzähler gelingen, wie Lenz einer war. Er schrieb immer und – so wie die Blätter aussehen – widerstandsfrei. Er schrieb nicht für sich, sondern für Leser oder für seine Auftraggeber, zuallererst aber für seine Frau Lilo, die die Manuskripte abtippte und die auch seine Briefe mit der Maschine schrieb.

Gut zwei Jahre liegt die literarische Sensation inzwischen zurück, die sich in Lenz’ Nachlass fand: das unveröffentlichte Manuskript Der Überläufer über einen Wehrmachtssoldaten, der sich den russischen Partisanen anschließt. "Ein Überläufer wird sicher nicht mehr zu finden sein", sagt Ulrich von Bülow nach der abgeschlossenen Sichtung des Materials. Ein paar kleinere, an entlegenen Orten publizierte oder allein im Rundfunk gesendete Erzählungen sind noch zu erwarten. Marvellas ganze Freude, die Geschichte einer Schweizer Kuh, die nach Texas gerät und sich dort in einen Zug verliebt, wird schon in diesem Herbst mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach erscheinen. Als der Zug eines Tages fernbleibt, bricht Marbella aus ihrer Weide aus. Die Geschichte stammt aus der Zeit der USA-Reisen, in der Lenz auch sein Amerikanisches Tagebuch schrieb. Ein weiteres unbekanntes Manuskript hat sich beim Saarländischen Rundfunk gefunden. Es beginnt mit dem Satz: "Schwer ist es, in Lappland einen Lappen zu finden."