Die Stadt ist für ihr Römergerümpel berühmt, aber davon sehen Sie beim Ankommen erst mal nichts. Der Bahnhof ist normal versifft, Gerüste und Bauzäune, da tut sich was, aber lassen Sie sich gesagt sein, das dauert. Hier dauert alles. Gehen Sie über den Vorplatz, die Theodor-Heuss-Allee entlang, dann laufen Sie auch schon drauf zu: Die Porta Nigra ist das alte römische Stadttor – und das Wahrzeichen der Stadt. Rundbögen, Sandstein, gebaut im zweiten Jahrhundert. Sie war mal heller, aber mit der Zeit ist sie verrußt, verwittert. Am besten, Sie machen ein Foto, das machen alle, die das Tor zum ersten Mal sehen. Was sollen Sie hier auch sonst fotografieren? Den Euro-Shop auf der anderen Straßenseite, die Wühltische davor?

Biegen Sie nun rechts ab auf den Simeonstiftplatz. Die Trierer haben sich an Bouleplätzen oder Brunnen gar nicht erst versucht, sie haben eine sehr große und sehr freie Fläche zugepflastert, ein paar schmalkronige Ulmen draufgepflanzt, in deren Erde sie Zigaretten ausdrücken, und um die Bäume haben sie Klötze aus Basalt gestellt. Eigentlich schade, dass Sie jetzt schon da sind, denn bald wird die Volksrepublik China die Dekoration des Platzes übernehmen. Die Chinesen wollten der Stadt zum 200. Geburtstag von Karl Marx im Jahr 2018 eine Statue schenken, 6,30 Meter hoch, mit Sockel. Triers berühmtester Sohn in Bronze gegossen.

Aber die Trierer haderten mit dem Geschenk, und sie hadern mit Karl Marx und seinen Schriften. Um herauszufinden, ob sie die Statue annehmen sollen oder nicht, haben sie einen Dummy aus Sperrholz auf den Platz gestellt. Politiker liefen darum herum, Reporter schrieben, die ganze Stadt diskutierte, und irgendwann entschied der Stadtrat, dass die Statue kommen darf, nur in kleinerer Ausführung. Alles andere wäre auch unklug gewesen. Jedes Jahr reisen Tausende Chinesen nach Trier, um das Geburtshaus von Karl Marx zu besichtigen.

Der einzig witzige Vorschlag in all dem Hin und Her war der, statt Marx eine Statue von Guildo Horn aufzustellen. Sie erinnern sich: Guildo Horn hat 1998 den siebten Platz beim Eurovision Song Contest belegt, der damals noch Grand Prix hieß, mit einem Schlager, in dem er "Piep, piep, piep" auf "Ich hab dich lieb" reimte. Vielleicht ist auch Guildo Horn der berühmteste Sohn der Stadt, aber stoßen Sie diese Diskussion nicht an.

Nachdem Sie sich nun umfassend mit dem alten (Guildo Horn ist mittlerweile 54) und dem noch älteren Trier beschäftigt haben, sollten Sie sich stärken. Laufen Sie durch die Engelstraße, dann links in die Maarstraße. Aom Ecken ist eine Traditionskneipe, Tresen, Schummerlicht. Bestellen Sie Flieten, also frittierte Hähnchenflügel, und dazu Viez. Viez ist vergorener Apfelsaft, den sie hier an der Mosel sehr mögen. Wenn Sie nicht auffallen wollen, verlangen Sie Viez in der Porz, gesprochen "en Poarz Viez", Sie bekommen dann einen Porzellanhumpen mit einer Flüssigkeit, die aussieht wie Urin und schmeckt wie ... Ach, probieren Sie’s einfach.

So gestärkt geht’s weiter mit dem Bus 10, Haltestelle Markusberg. Wenn Sie dort aussteigen, haben Sie eine wunderbare Aussicht. Tier ist die älteste Stadt Deutschlands, behaupten zumindest die Trierer. Entsprechend lange sammeln sie hier Kulturgut an: die Konstantinbasilika, den Dom, die Benediktinerabtei, alles südlich der Porta Nigra. Sehen Sie? Als die Römer ihr Reich aufteilten, galt Trier als Roma secunda, als zweites Rom. Das wiederum sehen Sie nicht mehr. Heute schafft es die Stadt nur noch auf gut 100.000 Einwohner, was auch daran liegt, dass sich Studenten (offenbar ohne Ortskenntnis) an Hochschule und Uni einschreiben. Trotzdem nennen die Trierer ihre Stadt weiterhin Moselmetropole. Man verklärt, was man liebt.

Aber ehe Sie nun auch sentimental werden: Sie haben nur zwei Stunden! Also zurück zum Bahnhof, vorbei an den Bauzäunen, den Gerüsten, die auch ein Versprechen sind. Vielleicht werden sie schöner empfangen, wenn Sie das nächste Mal kommen.