Ich bin also verliebt. Und schuld daran ist ein kleiner Junge in Badeschlappen, der auf einem Straßenmarkt in der balinesischen Stadt Ubud auf einer Treppe saß. Um ihn herum ein Gewimmel aus Verkäuferinnen, Garküchen mit dampfenden Kochtöpfen, chinesischen Reisegruppen und hupenden Mopeds. Der Junge saß da, sein Blick ging nach innen, sein Mund zeigte ein beschädigtes Lächeln, er spielte Ukulele. Ziemlich schlecht eigentlich und auch nur zu Werbezwecken – er verkaufte Instrumente in allen Farben, bemalt mit Blumen und der Aufschrift "Bali" –, aber trotzdem ging von ihm etwas Leichtes aus. Etwas, das sagte: Alles ist gut. Ich war sofort verschossen. Nicht in den Jungen, sondern in die Ukulele. Noch am selben Tag suchte ich einen indonesischen Gitarrenhersteller auf und kaufte ein aus vier Tropenhölzern handgefertigtes Instrument.

Abends holte ich die nussbraune Schöne aus ihrer Tasche, legte sie in den Schoß, dachte: Und nun? Ich konnte ja überhaupt nicht spielen. Meine bisherige musikalische Praxis ging nicht über Fingerschnipsen, Partytröten und Duscharien hinaus. Andererseits: Ein Instrument zu lernen stand seit 33 Jahren auf meiner inneren To-do-Liste. (Genauso wie LSD probieren oder einen Tesla fahren.) Der Zufall oder das Glück wollte es nun, dass ich auf meiner viermonatigen Rucksackreise zuerst einen Ukulele-Verkäufer und keinen Drogendealer oder Autohändler getroffen hatte. Mit einem One-Way-Ticket war ich nach Indonesien geflogen, ohne konkrete Reiseroute, ohne konkretes Ziel, aber mit viel unverplanter Zeit. Wann, wenn nicht jetzt, war der beste Zeitpunkt, um etwas Neues zu beginnen?

Mein Gastgeber Arka kam mit Flipflops über die Steinplatten im Garten geschlurft. Wie immer trug er seinen braun-schwarzen Sarong mit Damastmuster um den runden Bauch, den dazu passenden, vorne gebundenen Kopfwickel mit zwei wippenden Zipfeln und ein tiefenentspanntes Lächeln. Er setzte sich jeden Abend nach der Meditation in seinem Privattempel zu mir, um zu hören, was ich erlebt hatte. Arka ist eigentlich Maler, aber um seine Familie durchzubringen, vermietet er ein paar Zimmer seines kleinen Anwesens und gibt den fürsorglichen Gastvater. "Was machst du da?", fragte er, als er mich auf der Terrasse sitzen und vorsichtig über die vier Saiten der Ukulele streichen sah. G-C-E-A. Und zurück. Töne, so mild wie Balis Klima und Arkas Gesicht. "Störe ich?", fragte ich, peinlich berührt. "Ich kann überhaupt nicht spielen!" – "Es geht nicht um das Ergebnis", antwortete Arka mit der geronnenen Weisheit vieler Jahre Meditationspraxis, "sondern um das Üben."

Ubud ist das künstlerische Zentrum der indonesischen Insel Bali. Menschen, egal welchen Alters und welcher sozialen Herkunft, sind hier ständig damit beschäftigt, sich in Schönem zu üben. Nicht nur Maler, Kunsthandwerker oder Musiker wollen mit ihren künstlerischen Produkten die Götter gnädig stimmen, die dem hinduistisch-spiritistischen Glauben nach auf der Insel wohnen. Jeder Balinese beteiligt sich an den Ritualen und Zeremonien im Tempel. Einmal durfte ich Arkas Frau, Tochter und Enkelin dabei zusehen, wie sie aus Palmblättern handtellergroße Opfergabenschalen flochten, sie mit Blüten, Räucherstäbchen und Reis dekorierten und überall dort platzierten, wo die Götter ihren Segen hinschicken sollten. Jede der Frauen arbeitete in ihrem Tempo und nach ihren Fähigkeiten. Kaum waren die Schalen fertig und aufgestellt, kam ein Affe und fraß sie auf. Die Frauen waren nicht böse, dass das Tier die Kunstwerke zerstört hatte, sondern lachten. Auch ihnen ging es nicht um das Ergebnis. Das Opfer war nicht nur das fertige Geschenk, sondern auch der Herstellungsprozess, die Hingabe.

Es passte also, dass inmitten dieser dauerlächelnden und kunstfertigen Balinesen auch ich mich fortan in etwas Schönem übte. Ukulelespielen, erfuhr ich im Internet, sei leicht zu lernen. Und schon mit wenigen Akkorden beherrsche man erste Lieder. In den nächsten Tagen fand ich eine App zum Saiten-Stimmen, Grifftabellen, Ukulele-Akkorde bekannter Songs, vor allem aber YouTube-Tutorials: Mein erster Lehrer war der Schwabe Daniel Schusterbauer mit Karohemd und Dirk-Niebel-Gedächtnis-Kappe, der erklärte, wie man das Instrument hält. In seinen Online-Workshops klampften wir uns durch drei Akkorde. Später schwenkte ich um auf den Briten Jeff Burton mit knallbunter, gepunkteter Weste, der mich Schlagtechniken lehrte. Schließlich entdeckte ich die Amerikanerin Cynthia Lin: Sie saß mit Blume im schwarzen Haar vor einer schwarzen Büroschrankwand, drückte ihre schwarz lackierten Fingernägel auf die "Uke" – ich hockte im Bikini auf Arkas Terrasse und machte es ihr nach. "C", rief sie, und ich sang: "Don’t worry about a thing ..." – "1, 2, 3 F!", rief sie, und ich fuhr fort: "... cause every little thing gonna be alright!"

Cynthia Lin spielte ursprünglich Gitarre, hatte die Ukulele aber als perfektes Reiseinstrument entdeckt: "Die Größe der Uke hat mich überzeugt", schrieb sie im Netz. Heute nimmt sie das Instrument überallhin mit, unterrichtet dreimal pro Woche in einem Co-Working-Space in San Francisco und tritt als Singer-Songwriterin oder mit einer Jazzband auf. Dazu betreibt sie das Projekt "100 days of Ukulele Songs", bei dem sie jeden Tag ein Lied zum Mitspielen auf YouTube hochlädt. "Ich ermutige dich, diese Freude mit anderen so oft wie möglich zu teilen", gab Cynthia Lin mir mit. Darum ging es offenbar beim Ukulele-Spielen: ums Teilen. Blockflöte und Maultrommel mochten auch leicht zu lernen sein – aber mit einer Ukulele würde ich nirgendwo lange allein bleiben (anders als bei der Blockflöte). Auch wenn mein Geschrabbel kümmerlich klang, so erkannte ich im Internet, war ich bereits jetzt Teil einer weltweiten Bewegung.

Als ich aus Ubud abreiste, befestigte ich die Ukulele an meinem Rucksack. Ich wollte weiter nach Gili Air, auf die kleinste der Gili-Inseln – winziger Atolle, die dem Klischee einer tropischen Fototapete entsprechen. Dorthin gelangt man aber nur, indem man sich von einem Minibus durch die Reisterrassen von Bali fahren lässt, in einem Hafenort auf ein Aluminium-Speedboot umsteigt und auf einer der größeren Gilis in ein schmales Fischerboot wechselt – bis man irgendwann von einem Karren mit glöckchenklingelnden Ponys zu seinem Bungalow auf Gili Air gebracht wird.

Auf dieser Route strandete ich zunächst temporär am Hafen von Padang Bai, wo ich stundenlang auf das erste Boot warten musste. (Der Reiseführer schrieb, es sei eine "Müßiggängerstadt", was so viel wie "tote Hose" bedeutete.) Es war um die 30 Grad heiß, der tropische Monsunregen stürzte senkrecht. Die Straßenhunde verkrochen sich Gott weiß wohin, und die pausbackigen Straßenhändlerinnen mit den Fruchttellern auf dem Kopf warteten unter den Dächern kleiner Lebensmittelläden auf die nächste Gelegenheit, ihr "Mango! Lady? Mango! Lady?" zu singen. Ich setzte mich unter das Dach eines Bambus-Unterstandes, schmiss den Rucksack neben mich, wartete, schwitzte. Ein armlanger Leguan hockte in Sichtweite auf dem Bürgersteig in einem Holzstall, der keine Wendemöglichkeit bot. Er saß und glotzte. Ich fühlte mich mit ihm verbunden. Jede Bewegung schien in der Hitze eine zu viel. Klampfen ging aber – es bedeutete ja nur, sanft das Handgelenk auf und ab zu bewegen. Meine Fingerkuppen hatten nach den täglichen YouTube-Sessions dunkelrote Rillen und schmerzten. Der Zeigefinger zeigte sogar eine Blase. Trotzdem sang ich das Lied des dicken Hawaiianers Israel Kamakawiwo’ole, der mit glockenheller Stimme versprochen hatte, dass irgendwo über dem Regenbogen Träume wahr werden. Somewhere over the Rainbow – der Ukulele-Smash-Hit. Mit nur vier einfachen Akkorden ist er leicht zu spielen und selbst in Endlosschleife noch erträglich. In ihm steckte all die träumerische Sehnsucht nach dem sorgenlosen Leben, das mir als Rucksackreisender so vertraut war. Dazu vibrierte die Ukulele auf meinem Bauch, dass es sich wie ein Verliebtheitskribbeln anfühlte.

Auf Gili Air setzte mich ein hellblaues Fischerboot ab, eine wackelige Konstruktion mit überteuertem Zubringercharakter. Für eine Woche bezog ich einen der Bambusbungalows, die dicht an dicht zwischen die Palmenhaine gebaut waren. Als ich die Insel am nächsten Morgen umrundete, war immer Sand mit feinem Korallenschutt unter meinen nackten Füßen. Zum ersten Mal war es still. Mopeds und Autos sind auf Gili Air nicht erlaubt. Nur auf dem Wasser tuckerten Boote, die Schnorcheltouristen in Leuchtwesten zum Riff fuhren.