Die Initianten gaben alles. Und ein bisschen mehr. "Ja zu einer guten Volksschule ohne Lehrplan 21" nannten sie ihr Anliegen, über das am vergangenen Sonntag abgestimmt wurde. Es sollte verhindern, dass im Kanton Solothurn im August 2018 der Lehrplan 21 eingeführt wird – so wie in 20 weiteren Kantonen der Deutschschweiz. Sie setzten bei der Formulierung auf die Kraft der Suggestion, vielleicht in der Hoffnung, dass der eine oder andere, der zwar lesen, aber nicht verstehen kann, im Eifer ein Ja auf seinen Stimmzettel schreibt. Ja zu einer guten Volksschule – da kann niemand ernsthaft dagegen sein.

Die Übertölpelungs-Strategie verfing nicht. Genauso wenig wie die mit vermeintlichen Fakten getunte Angst-Kampagne. Harmonisierungsbeschiss! Bildungsbremse! Bürokratiemonster! Die Lehrplan-Gegner, darunter Mitglieder der EVP, CVP, SVP und Grünliberalen, stellten den Lehrplan 21 als gefährliches bildungs- und gesellschaftspolitisches Experiment dar, unter dem Kinder und Lehrer nichts als leiden müssten. Dass sie im neuen Lehrplan auch Vorteile sehen, sagten sie nur auf Nachfrage hin. Dafür umso öfter Sätze wie: "Die Spätfolgen für die Wirtschaft und den Standort Schweiz sind nicht absehbar." Dass an Schulen künftig stärker auf Kompetenzen und weniger auf reine Wissensvermittlung gesetzt wird, ist für sie der Anfang vom Ende des Lehrerberufs. Die Erfahrungen, die man mit einem Französischlehrmittel, das auf ebendiese Kompetenzen zielt, bereits gemacht hat, seien "desaströs". Die Kritik: "vernichtend".

Wer mit der Kristallkugel politisiert, lebt gefährlich

Kommt der neue Lehrplan, wird Bildung "erwiesenermaßen scheitern", so lautete das Fazit auf dem Twitterprofil der Lehrplan-Gegner.

So exakt und so resolut die Gegner des neuen Lehrplanes die Zukunft auch voraussagten, sie konnten die Bevölkerung damit nicht überzeugen. Werde ich hier für dumm verkauft?, mag sich der eine oder andere gefragt haben. Eltern etwa, die längst wissen, dass ein Lehrplan keine Bibel, sondern eine Richtschnur ist. Stimmbürger, die längst wissen, dass kein Himmelfahrtskommando, sondern Bildungsexperten das komplexe Lehrplan-Konstrukt erdacht haben.

Die Solothurner lehnten die Initiative mit 65 Prozent Neinstimmen ab. Keine einzige Gemeinde hieß das Anliegen gut.

Nicht nur im Kanton Solothurn, auch in Schwyz und Zürich sagten sich die Stimmbürger: Schwarzmalen? Nicht mit uns!

Die von Zürcher Lehrern lancierte und von SVP, EVP und EDU unterstützte Volksinitiative "Mehr Qualität – eine Fremdsprache an der Primarschule" verlangte, dass künftig nur noch Englisch oder Französisch unterrichtet werde. "Frengzöslisch?", fragte das Komitee sprachspielerisch, "Qualität fördern statt Kinder überfordern". Die Schulkinder, so hieß es, könnten nicht zwei Fremdsprachen fast gleichzeitig lernen – und sollten überhaupt erst einmal richtig Deutsch lernen. Die SVP verlangte eine "Rückbesinnung auf das Wesentliche", und der bekannteste Kinderarzt des Landes warnte: Zwei Fremdsprachen, das bringe im besten Fall nichts, im schlechteren aber schade es. Dann wenn man die Sprache nicht richtig lerne.

Aus Einzelfall wird keine Systemkritik

Das Stimmvolk aber entschied anders – und sagte mit 60,8 Prozent deutlich Nein zur Initiative. Es wollte "keinen Rückschritt" wie ein Kommentator schrieb.

Richtig knapp wurde es nur im Kanton Schwyz. Die Initiative "Keine Bevormundung der Bürger und Gemeinden" gehe als "eine der emotionalsten Abstimmungen in die Geschichte des Kantons ein", schrieb tags darauf der Kommentator im Bote der Urschweiz .

51,4 Prozent der Bevölkerung sagten Nein zur Initiative des bekanntesten Kesb-Kritikers der Schweiz, Pirmin Schwander. Mit Unterstützung seiner Partei, der SVP, wollte er das Vormundschaftswesen, das seit 2013 nicht mehr in den Händen der Gemeinde, sondern bei der Profi-Behörde Kesb liegt, wieder zur Gemeindesache machen. Wer zahlt, befiehlt, argumentierte sein Komitee.

Wie immer, wenn es um die Kesb geht, kämpften Gegner und Befürworter mit ungleichen Ellen. Anders als die Befürworter, konnten die Kritiker mit Emotionen spielen. Geschürt mit den dramatischen Geschichten von Menschen, die mit der Kesb nicht zurechtkommen. Die Kesb erscheint als Behörde, die "laienhaft und weltfremd" agiert und Menschen ohne Not ihrer Freiheit beraubt.

Das emotionalste aller Themen kam nicht an: Die Kesb

Doch das Stimmvolk wollte aus dem Einzelfall keine Systemkritik machen. Nicht einmal in einem Kanton wie Schwyz, der als obrigkeitskritisch gilt. Das Versprechen der Regierung, bei heiklen Fällen besser zu kommunizieren, scheint zu genügen.

Warum auch nicht? Bei allen Mängeln, die das neue System noch hat, bekommt die Kesb immer wieder gute Noten. Zuletzt in einem Bericht des Bundes.

Pirmin Schwander blieben die Emotionen: "Wenn man verliert, ist man immer enttäuscht", sagte er. Er wolle weiterkämpfen. Und an der lange angekündigten eidgenössischen Volksinitiative festhalten.

Es dürfte schwierig werden.