Wenn es einen Menschen gibt, der nicht dazu prädestiniert ist, eine Romanfigur zu werden, dann dürfte es wohl die amtierende Bundeskanzlerin sein. Ist es schlechterdings denkbar, Angela Merkel mit Leidenschaft und Drama und heillosen Verwicklungen in Verbindung zu bringen, ausgerechnet sie, die Physikerin? Schon mit den Händen deutet sie immer wieder eine geometrische Figur an, die jede auf sie gerichtete Vorstellungskraft einzusaugen und zu resorbieren scheint. Doch wie wäre es mit einem Roman der Politik, dem Epos der großen Koalition? Möchte das jemand lesen? Möchte jemand Einblick in die allerpersönlichsten Gründe politischer Beschlüsse nehmen, wenn es doch schon schwierig genug ist, die Illusion aufrechtzuerhalten, Politiker entschieden sachlich, für die Allgemeinheit und stellvertretend für uns? Da lauern Kränkung und Langeweile.

Der Autor und Journalist Konstantin Richter, der auch für die ZEIT schreibt, hat sich immerhin furchtlos ans Werk gemacht. Er nimmt das wenige, was wir über Merkels private Umstände wissen, und erzählt damit ein Stück Zeitgeschichte, genauer eine kurze und heftige Phase der jüngsten Politik neu, gewissermaßen spekulierend und ein wenig parallelverschoben: den Beginn der Flüchtlingskrise im Herbst 2015.

Die Kanzlerin ist in jenem Jahr dysphorisch, sie neigt zu einer schwachen Form der Niedergeschlagenheit, die viele nüchterne, vernunftbestimmte Menschen kennen. Politisch läuft es, wenn auch nicht rund und schon gar nicht auf Touren. Merkel ist vom Amt unterfordert und überfordert zugleich, normal nach zehn Jahren an der Macht. Die Ehe mit Professor Sauer ist stabil, Zeichen wechselseitiger Vernachlässigung schleichen sich trotzdem ein, wie es mit der Zeit so ist. Nach dem ersten Akt Tristan erleidet sie während der Bayreuther Festspiele einen leichten Kreislaufkollaps. Die Menschen um sie, der Mann, die Schwester, die Büroleiterin, der bayerische Ministerpräsident, sie sind nur Nebenfiguren der selbst gewählten Einsamkeit. Irgendwie enden alle Versuche einer menschlichen Kontaktaufnahme im Faden. Die Chance, unter diesen Umständen noch einmal einen Roman zu erleben, liegt bei null.

Folglich nennt Konstantin Richter sein kurzes Buch in aller Bescheidenheit eine "Fiktion". Jede andere Genrebezeichnung wäre auch übertrieben. Erbarmungswürdige Ereignislosigkeit begleitet die Macht. So muss die Hauptfigur selbst den Anlass des Erzählenswerten, den Kern einer wie auch immer novellistischen Konstellation beisteuern: Die Bilder der Flüchtenden auf dem Balkan vor Augen, gerät die Kanzlerin in eine Art humanistische Euphorie. Sie könnte den Menschen helfen, ein Zeichen setzen jenseits der politischen Routine. Selbstverständlich überträgt sich dieses Hochgefühl nicht auf den Apparat des Kanzleramtes, aber sie hat immerhin die Macht, ihn zum Schwingen zu bringen. Amüsant, wie die Morgenrunde bockt und buckelt zugleich. Dann folgt ihr Entschluss, die deutschen Grenzen zu öffnen. Alles Weitere ist dem Leser aus den Medien bekannt.

Sonderlich literarisch ist das nicht, es fehlt hier der Mut, Gestalten zu erfinden und wirklich interessant zu machen, der Mut zum Skurrilen, zur Übertreibung und zur echten Verfremdung einer doch in weiten Zügen bekannten Realität. Selbstverständlich ist der Professor Sauer mit den Gedanken zu oft woanders, natürlich neigt die Büroleiterin zur Aufmüpfigkeit, und was könnte der junge, für soziale Medien verantwortliche Praktikant im Umfeld der Richtlinienkompetenz auch anderes erleben als eine Lektion in Zynismus? Die Kanzlerin wartet mit einer Menge Erwartbarem auf, während der politische Roman doch ein vollkommen überraschendes Bild der Politik präsentieren müsste, dann darf er auch ein unbarmherziger Schlüsselroman sein. Die Schwäche Richters ist, dass er sich von der Reportage nicht löst, das Wirkliche nicht in Wahrscheinliches verwandelt. Oder zu wenig. Die Fiktion ist frei, verantwortungs- und rücksichtslos; dieses Buch ist dezent, rechtschaffen und faktentreu. So gelingen Richter ein paar treffende ironische Beobachtungen, die man gerne liest, aber er öffnet am Ende doch nur jenen plausiblen psychologischen Raum, in dem ein ehrlicher Reporter lieber nicht herumstochert. Ihre möglichen Selbsterörterungen zu erzählen hat bei einer drögen Person wie Merkel zwar seinen Reiz, fügt dem Wissen über die Kanzlerin aber keine neue Facette hinzu. Ja, so war es wohl – umso öder für die Wirklichkeit. Das Vergnügen bleibt begrenzt. Und Merkel bleibt Merkel – ein Schwarzes Loch, dem bis auf Weiteres keinerlei literarische Energie zu entkommen vermag.

Konstantin Richter: Die Kanzlerin. Eine Fiktion. Roman; Kein & Aber, Zürich 2017; 176 S., 18,– €, als E-Book 14,99 €