Mein Rucksack ist bis oben hin voll, nur der Blumenkohl hat nicht mehr reingepasst. Wochenendeinkauf für meine WG. So stehe ich auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt in Berlin-Charlottenburg und versuche, den Kohl auf den Gepäckträger zu klemmen. Eine ältere Frau schaut mir zu. Sieht sicher witzig aus, der Kohl, mein Fahrrad und ich. Zögerlich kommt sie ein paar Schritte näher. Ihr Blick wandert über mein Sommerkleid, zu meinen Sandalen und wieder hoch. "Entschuldigung, darf ich Sie mal was fragen? Wo kommen Sie her?", fragt sie. Ich schaue kurz auf: "Ich wohne in Berlin." Das war es nicht, was sie hören wollte. Sie fragt weiter. "Woher kommen Sie wirklich?" – "Süddeutschland." – "Und Ihre Eltern?" – "Beide Deutsche." Ungläubig schüttelt sie den Kopf. "Komisch, Sie haben so einen südländischen Teint, also das sieht sehr schön aus, also ich hätte gedacht, Sie kommen vielleicht aus Spanien."

Eine Situation, so unspektakulär wie der Blumenkohl in Sahnesoße, den es später in der WG gab. Die Frau war einfach neugierig. Kann man ihr nicht vorwerfen. Sie hat doch ein Kompliment gemacht. Wo also ist das Problem?

Vor zwei Wochen hat Henning Sußebach sich an dieser Stelle dafür ausgesprochen, Menschen danach zu fragen, wo sie eigentlich herkommen. Dass manche diese Frage ausgrenzend finden, sei Blödsinn, argumentierte Sußebach. Sie nicht zu stellen wäre ignorant.

Wir, die Autoren dieses Textes, mussten diese Frage oft beantworten. Wir sind in Bayern und im Schwarzwald geboren, in München und Marbach aufgewachsen. Unsere Väter wurden im Ausland geboren und kamen als junge Erwachsene nach Deutschland, aus Ruanda und dem Iran. Das sieht man uns an, an unserer Haut, unseren Haaren, man hört es an unseren Namen. Und deshalb müssen wir uns erklären, immer und immer wieder. Das nervt.

Henning Sußebach bekam diese Frage in seinem Leben bestimmt nicht oft gestellt. Er musste wahrscheinlich selten auf offener Straße von seinen Eltern erzählen, die vielleicht aus der Eifel kommen oder aus Pommern. Wir wissen es nicht – aber wir würden ihn bei der ersten Begegnung auch nicht danach fragen.

"Wo kommst du eigentlich her?", das habe Sußebach andere oft gefragt und sich selbst noch öfter in Gedanken. Nur: Wen genau? An dieser Stelle bleibt er unpräzise. Als Beispiele nennt er einen "radebrechenden Taxifahrer" und Menschen in Dönerbuden. Hier liegt das erste Problem: Nach der Herkunft gefragt werden nicht alle, sondern nur bestimmte Menschen. Die anders aussehen oder anders heißen und deshalb auffallen.

Der Mann, der mich gleich massieren wird, kommt rein, tritt an die Liege, seine Hände fahren über meinen Rücken. Meine Gedanken wandern fort. Bis in die Stille plötzlich diese Frage hallt. Normalerweise mache ich mit beim Herkunftsspiel. Gebe bereitwillig Auskunft. Sohn eines Ruanders und einer Schwäbin. Das Kennenlernen der Eltern. Sprachkenntnisse und mittelfristige Rückkehrpläne. Weil mir meist die Kraft fehlt, den Leuten nicht zu geben, was sie wollen. Ich spreche geduldig meine Biografie in das Kopfloch der Liege. Doch als der blonde Mann fertig ist und mehr über mich weiß als mein Chef, frage ich: "Und Sie, Sie kommen bestimmt aus Schweden, oder?" Die Hände auf meinem Rücken erstarren. Äh, nein, Westfalen, der Mann stammelt. "Wirklich?" Ja, natürlich. Der Mann lacht nervös. Warum nicht, will er wissen. "Na, weil sie doch schwedische Massagen anbieten. Und so blond sind."

Sußebach, so schreibt er in seinem Text, würde nie so penetrant nachfragen. Er selbst hake nicht nach, er akzeptiere jede Antwort. Sage jemand "Hamburg-Altona", nehme er das hin. Leider entspricht das nicht unserer Erfahrung. Kommt die Herkunftsfrage, fängt unser Striptease an. Rückfrage um Rückfrage, Schicht für Schicht müssen wir unsere Biografien freilegen. Bis der Grund sichtbar wird für diese dunklen Augen, diesen fremd klingenden Namen. Es ist, als schuldeten wir unserem Gegenüber eine Erklärung für unser Aussehen. Als sei es eine Erlaubnis für intime Fragen, die man sonst erst sehr viel später stellt. Antworten wir nicht, sind wir unhöflich. Tun wir es doch, erklären wir uns für eine Sache, die selbstverständlich sein sollte: dass wir Deutsche sind. Die Frage zwingt uns in ein Gespräch, das wir nicht auf Augenhöhe führen können.

Er frage aus Neugier, die emotionalsten wie erkenntnisreichsten Momente habe er nach dieser Frage erlebt, erklärt Sußebach. Wir können uns an keine erkenntnisreichen Momente nach der Herkunftsfrage erinnern, manche Leute geben sich schon zufrieden, wenn wir ihnen einfach das Land nennen, das Erklärung bietet. Es geht selten um wirkliche Neugier, sie wollen uns einordnen. Die größte Erkenntnis, die wir durch dieses immer gleiche Ritual gewonnen haben: Wir gehören nicht richtig dazu. Wir sind fremd.

Ägypter, Brasilianer, Inder: Ich wurde schon für vieles gehalten. Einem Mädchen in einer Disco habe ich mal erzählt, dass ich aus Südafrika komme. Ich bin vielleicht 20, leicht angetrunken. Mein Vater ist Botschafter, lüge ich und spreche sogar englisch mit ihr. Ich warte, dass sie mir, diesem Spinner, endlich den Mittelfinger zeigt. Doch sie kauft mir alles ab, dabei habe ich keine Ahnung von Südafrika. Später knutschen wir. Wahrscheinlich will sie einfach mal was mit einem Exoten.

Gibt Schlimmeres, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Aber wenn du für einen Exoten gehalten wirst und trotzdem Deutscher bist, kannst du das nicht ignorieren. Jede Frage ist wie ein kleiner Stich ins Gewebe unserer Identität. Und irgendwann wird aus vielen Stichen eine Wunde, mit der man sich auseinandersetzen muss.