Bis 1856 gab es nur uns. Dann kam Schwung in die Menschheitsgeschichte. Im Neandertal tauchten seltsame Knochen auf und wurden als "generell vom Menschen unterscheidbar" deklariert (William King). Viele brisante Fossilien sollten folgen. Alle stammten von Wesen, die menschliche Züge trugen, aber eben nicht waren wie wir. Homo erectus und Homo habilis bestätigten, wie sehr die Baupläne des Lebens einem komplexen Wandel ausgesetzt waren – und seither streiten Wissenschaftler über jede Verästelung im Stammbaum.

Im Jahr 2002 glaubten Forscher, im Tschad das bislang älteste Übergangsexemplar gefunden zu haben: das Bindeglied zwischen unserem nächsten noch lebenden Verwandten, dem Schimpansen, und uns. Sahelanthropus tchadensis lebte vor sechs bis sieben Millionen Jahren und galt damit als frühester Hominide. Wer noch älter war, zählte nicht zu den Vormenschen, auch nicht: Graecopithecus freybergi, kurz "El Graeco", von dem einst ein Unterkiefer in Griechenland und ein Zahn in Bulgarien gefunden worden waren.

Doch nun tanzt dieses Wesen aus der Reihe. Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen hatte die beiden Fossilien erneut unter die Lupe genommen und sagt: Der alte Grieche gehörte sehr wohl zum Tribus Hominini.

Nach alter Lehre ist das unmöglich. Vormenschen waren nur aus Afrika südlich der Sahara bekannt. Nun soll sich plötzlich ein 7,2 Millionen Jahre alter Ahne auf dem heutigen Stadtgebiet von Athen rumgetrieben haben? Eine faszinierende Geschichte: Wo später die Demokratie erfunden werden sollte, könnten sich einst die evolutionären Linien von Mensch und Affe getrennt haben.

Aber wo steckt der Beweis? In den Zahnwurzeln. Menschenaffen besitzen pro Zahn zwei oder drei getrennte Wurzeln. Menschen (Homo sapiens), Urmenschen (frühe Vertreter der Gattung Homo) und Vormenschen wie Australopithecus unterscheiden sich in diesem Detail: verschmolzene Wurzeln, das ist ihr Charakteristikum. Genau dies haben Böhme und Kollegen mithilfe des Computertomografen bei El Graeco vorgefunden. Ist es legitim, aufgrund dieses dentalen Details den Stammbaum umzuschreiben? Womöglich gar die Wiege der Menschheit in Europa zu verorten statt in Afrika?

Das Problem: Jeder kann einen Schimpansen von seiner Art unterscheiden, je näher aber Wissenschaftler an jenen Zeitpunkt heranforschen, an dem sich Abstammungslinien getrennt haben (könnten), desto kleiner werden die morphologischen Unterschiede. Da Anthropologen seit je eine Spezies sind, die zu streiten pflegt, wird der Tübinger Befund viel Widerspruch hervorrufen. Was wenig über seine Plausibilität aussagt.