Die Politik hat sie als Terroristen, Diebe und Chaoten beschimpft, die Bevölkerung aber hat sie oft mit einer ungewöhnlichen Sympathie bedacht: die Hausbesetzer der siebziger und achtziger Jahre. Ihre Zentren bildeten sich in den größeren Städten der Bundesrepublik, als führende Politiker, von einer gewinnorientierten Stadtplanung getrieben, Altbauten abreißen wollten, um stattdessen kompakte Wohnsilos und Großraumbüros zu errichten. Dagegen formierte sich Widerstand, vielerorts: in Berlin, Frankfurt, Hamburg, aber auch in München, Göttingen, Tübingen und Bremen.

Welche Formen der Protest annahm und welche Motive hinter den Hausbesetzungen standen, zeigen nun die Geschwister Barbara und Kai Sichtermann in ihrer Chronik Das ist unser Haus. Eine Geschichte der Hausbesetzung. Das Werk der beiden Szenekenner – Kai Sichtermann ist Gründungsmitglied der Sponti-Band Ton Steine Scherben, Barbara Sichtermann eine der profiliertesten Journalistinnen der 68er-Generation – versammelt persönliche Berichte sowie Interviews mit Zeitzeugen, eindrucksvolle Bilder und Dokumente aus den siebziger und achtziger Jahren. Es ist eine Reise zurück in eine Ära, in der politischer Dissens noch auf die Straße führte und nicht nur in die Kommentarspalten des Internets. Das Erstaunliche: Wie kritisch man der linken Protestkultur auch gegenüberstehen mag, in diesem Fall hat sich ihr Widerstand als nützliche Infragestellung eines zerstörerischen Geschäftssinns erwiesen.

Das frappanteste und vielleicht bekannteste Exempel ist die Geschichte des Flora-Theaters im Hamburger Schanzenviertel, an die sich in diesem Buch der Besetzer Andreas Blechschmidt erinnert. Heute klingt es nahezu grotesk, dass vor 30 Jahren der Hamburger Senat auf die größenwahnsinnige Idee kam, das prächtige, 1888 erbaute Varieté-Theater an einen umtriebigen Geschäftsmann zu verkaufen, der die Landespolitik mit dem Plan überzeugen konnte, das historische Gebäude abzureißen und stattdessen einen gigantischen Musical-Tempel zu eröffnen – mitten im Wohnquartier eines kopfsteingepflasterten Gründerzeitviertels.

Blechschmidt schildert, wie es ihm gelang, durch Sabotageaktionen auf der Baustelle den Komplettabriss zu stoppen. Dann besetzte er das Theater und gründete mit ein paar Freunden die Rote Flora – ein illegal betriebenes Konzerthaus, das zum Treffpunkt der linken Szene wurde und sich bis heute tapfer gegen eine Privatisierung stemmt. Aus Sicht von Blechschmidt hat der Widerstand so gut funktioniert, weil das Kollektiv bis zuletzt eine Vertragsunterzeichnung mit dem Stadtparlament ablehnte und es bevorzugte, im illegalen Status zu verharren – trotz des Risikos einer Räumung: "Du weichst immer ein Stück zurück, so wie die Grünen ihre Koalitionsverhandlungen führen, also immer getreu der Logik des Sachzwangs, in dem Glauben, das große Ganze retten zu können, und am Ende hast du nichts mehr in den Händen außer einer leeren Hülle (...). Deswegen war unsere Entscheidung: Kein Vertrag!"

In Frankfurt sah die Situation ein wenig anders aus: Dort wurde der Protest durch den steten Zuzug der Großbanken ins Rollen gebracht, die in den achtziger Jahren Platz brauchten für den Bau von Bürotürmen und den Abriss von Wohnhäusern einforderten. Zugleich herrschte akute Wohnungsnot unter Studenten, Migranten und jungen Familien. Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit rekapituliert in einem Interview, wie die drohende Liquidierung des Frankfurter Westends zu einer Welle von Hausbesetzungen führte und zugleich den Anstoß gab für eine breitere Diskussion über soziale Missstände: "Die Hauptparole lautete: ›Diese Stadt, so wie sie ist, ist Mist.‹ Ja, es war also im Grunde genommen die Forderung nach einer humanen Stadt. Das mündete in einem Kampf gegen alle möglichen Dinge wie die Fahrpreiserhöhung zum Beispiel. Der Häuserkampf in den Städten war einer der ersten Kämpfe, bei dem es im Kern um nachhaltige Stadtentwicklung ging."

Heute lässt sich kaum mehr nachempfinden, wie immens die gesellschaftliche Spaltung war, wie groß die Spannung zwischen der Kriegsgeneration auf der einen und den Hausbesetzern und Studenten auf der anderen Seite. Aber auch dies macht das Buch deutlich: Bei den Straßenkämpfen ging es eben nicht nur um die Rettung von historischen Bauwerken, sondern vielmehr um die Frage nach dem richtigen Leben; nach alternativen Formen der Existenz, die hinter den Häuserfassaden formuliert und mit unterschiedlichem Erfolg ausprobiert wurden.

Trotz aller Begeisterung der Autoren für die (teils militanten) Antworten der Hausbesetzer werden auch kritische Einwände beleuchtet (wenn auch nur wenige). Cohn-Bendit etwa erinnert daran, dass gerade in Frankfurt der Kampf gegen die herrschende Klasse antisemitische Züge annahm, als sich herausstellte, dass viele der zum Abriss bestimmten Häuser in jüdischem Besitz waren. Wie so oft in der Geschichte des linken Widerstands zeigten sich Teile der autonomen Szene erstaunlich blind gegenüber der historischen Parallele, die ihre Kapitalismuskritik offenbarte.

In Berlin fiel dieser Widerspruch nicht so sehr ins Gewicht. Dort hatte man westdeutsche Bauspekulanten im Visier, die gezielt Gründerzeithäuser herunterwirtschafteten, um Abrissgenehmigungen zu bekommen und neue Wohnblocks mit hoher Renditeerwartung zu errichten. Das führte zu der paradoxen Situation, dass bei alarmierender Wohnungsnot zahlreiche Altbauten leer standen, jedoch weder bezogen noch erneuert werden konnten. Was aus Kreuzberg geworden wäre, wenn die Besetzer 1970 nicht eingeschritten wären und Häuser wie das Georg-von-Rauch-Haus besetzt hätten, kann man heute am Kottbusser Tor bestaunen: Anstelle eines Jugendstilbaus steht dort das Neue Kreuzberger Zentrum, ein lang gezogener Betonklotz mit 200 Wohnungen, der an die graue Tristesse des Kalten Kriegs und an die geradezu dystopisch anmutenden Visionen damaliger Bauspekulanten gemahnt.

Diese brutalistische Architektur mag heute en vogue sein, und doch muss man sich eingestehen: Die Hausbesetzerszene hat dazu beigetragen, dass Deutschland über weit mehr denkmalgeschützte Häuser verfügt, als es die Politik je zugelassen hätte. Davon profitiert ausgerechnet die bürgerliche Mitte, die es sich in den Altbauten gemütlich macht. Das zeigt: Ziviler Ungehorsam kann sich lohnen. Nicht nur für das linke Milieu.

Barbara und Kai Sichtermann: Das ist unser Haus. Aufbau Verlag, Berlin 2017; 300 S., 26,95 €, als E-Book 18,99 €.